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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 91
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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89. Schubart an Maler Müller

Ulm den 27ten Nov. 1776.

Lieber Müller, – da hast Du meinen ersten brüderlichen Kuß! – Ja, Du – Du wollen wir einander nennen, in Briefen und mündlich, auf Erden und im Himmel. Eingeschenkt also! ich trinke mein Bier und Du Deinen Rheinwein! getrunken unterm Rundgesang:

Auf Du und Du und immer Du!!!
Und Halleluja! Amen!

So denk' ich mir die ersten Christen, wenn die Gott mit einem Hymnus priesen, einander bei der Hand faßten, gen Himmel sahen und den Seufzer aus der Brust drängten: O Du!! So denk' ich mir auch die Heiligen im Himmel, dort wo alles aufgelößt ist in Bruderliebe, wo das vertrauliche Du aus allen himmlischen Gesängen schallt und einem durchs Herz schauert

daß die Bruderthrän'
an der röthlichen Wange glänzt.

Also Du, lieber Müller, und von nun an sei's geschworen, daß wir wollen Freund seyn, uns brüderlich lieben, oft einander zuschreiben, uns einander ins Herz blicken lassen, und so miteinander leben und weben, biß es heißt: der eine ist todt! – Dann singt ihm der einsame Übrige ein Todtenlied, und mischt den Triumpf drein: ich seh ihn wieder!

Ja, Müller, Du gefällst mir; viel von Gottes Altarfeuer lodert in Deinem Herzen. Lass' es nicht brennen vor Unheiligen, sie wollen Mist drein werfen, um es zu tilgen.

Deine Balladen haben mir sehr Wohlgefallen; kannst's aus meiner öfentlichen Anzeige sehen. Nur glaub' ich – (Du wirst mir einen brüderlichen Tadel verzeihen) – daß Du zu viel skizzirst und zu wenig vollendest. Du bist der reiche Mann, der die Goldstücke nur so ohne sichern Zweck aus der Tasche nimmt und unter's Volk hinsät. Ein Mann von Deinen grosen Dichtergaben, muß nicht sorgloß seyn und die Ausgüsse seines Herzens nicht hinströmen lassen wie glühende Lava: wunderbar anzusehen, aber sengend und zerstörend. Du siehst's iezo klar, wie unsere Nation aus dem Traume erwacht, und die von einigen Genie's verursachte Anarchie verdammt.

Schau, Müller, Gott ist's größte Genie, und hat doch Alles nach Maaß, Zahl und Gewicht so weislich geordnet. Genie's sind sichtbare Gottheiten; sollten sie also nicht auch dem Gott nachahmen, der der Gott der Ordnung ist? Wie viel herrliche Gedanken hat Klinger ohne Würkung versprizt? Da liegen sie nun im Mist, und kannst lange warten, biß Äsops Hahn kommt, und das Edelgestein aufscharrt.

Lieber Müller, bleib also der Natur und der Ordnung getreu biß ans Ende und die Kron der Unsterblichkeit wartet Dein!

Ich freue mich recht auf ein größeres ganz vollendetes Werk von Dir, wo Du drinnen lebst und webst, und wo Du Dich selbst wie in einem Spiegel beschauen kannst.

Dein gegenwärtiger Aufenthalt scheint Deinem Geist sehr angemessen zu seyn. Heitre Gottesluft um Dich her, einen guten Fürsten, edle Freunde, Bibliotheken, Gallerieen, Antikensäle, himmlische Musik, und ein teutsches Theater – Bruder, alter Rheinwein darbei, und ein fühlendes Mädgen im Arm: was fehlt Dir noch zur Götterschaft?

Auf den Fortgang des Theaters bin ich, wie billig, sehr begierig. Wenn's nur nicht rasch-aufloderndes Feuer ist, das gleich wieder erstickt, so bald ein Französlein die Hosenfall aufmacht und drein pißt. Lessing ist nun freilich vor Tausenden der Mann auf den ihr euch verlassen dürft. (?)

Schreib mir doch von jeder Zukung, Bewegung, Fortschritt, Hindernissen, Uebelstand – dieser vortreflichen vaterländischen Anstalt; denn mir ist's unendlich interessant.

Deine Genovefa gibt einmal ein göttliches Stück auf dieß Theater. Vorigen Sommer ließ ich das Fragment in der Schreibtafel, mit einigen Erweiterungen von mir, hier in Ulm zum Nachspiel und es war von großer Würkung.

Klein ist ein brafer Mann, von gutem Willen, aber Kraft – Adlerkraft fehlt ihm. Er will gen Himmel und ein Windlein stürzt ihn zur Erde. Auch ströhmt ihm nicht Lebenswasser von innen heraus – Wasser zwar genug, aber nicht was unter den Bäumen des Lebens im himmlischen Jerusalem quillt. Seine Oper kann also nicht gut seyn, ihr mögt sagen was ihr wollt.

Müller Du – Du mußt eine Oper machen, teutschen Inhalts und teutscher Kraft.

Ich würde vergangenen Sommer gewiß nach Schwezingen gekommen seyn, aber ich hatte kein Geld. Nur kümmerlich kann ich mich hier mit meiner Familie erhalten. Nun legen aber Miller und ich unsere Scherflein zusammen, und hoffen, diesen Winter Dir an's Herz sinken zu können.

Miller grüßt Dich tausendmal und wird Dir nächstens schreiben. Der himmlische Jüngling ist nun mein Umgang, mein Stolz u. meine Freude. Wenn Du den zweiten Theil des Siegwart mit Thränen gelesen hast, so denk: Siegwarts Schöpfer ist noch tausendmal schöner, lieber, seelenvoller als sein Buch. Ihr sollt Freunde seyn, und ich will in der Mitte stehn und vor Freude weinen, wenn ihr euch die Hand reicht, und Gott vom Himmel niederblickt auf euch, und euren Bund seegnet.

Der »Beitrag zur Geschichte der Zärtlichkeit« ist auch von Miller und aus dem Briefwechsel mit einem Mädgen entstanden. Himmlischer kann man nicht lieben, als Miller liebt.

Grüß mir Kobbell und bitt ihn, daß er mir etwas zum Wonnanblick von seiner Arbeit – seinen Schöpfungen wollt ich sagen – schickt.

Schran (Schwan?) und seine liebe Frau, die's beweißt, daß man auch ohne körperliche Schönheit ein herrliches Weib seyn kann, grüß mir auch herzlich.

Siehst Du Claudius – o flieg ihm entgegen, dem Edlen, und sag ihm, daß Schubart ihn unaussprechlich liebe. Sein »Asmus« ist wie eine Feder, gefallen aus dem Flügel eines Engels. Sag's ihm!

Cannabich, den redlichen, und sein liebes Weibel umarm mir gewiß.

Und Gruß und Gottessegen an alle die sich meiner in Ehr' und Unehr erinnern.

Schreib mir bald wieder, bitt Dich gar schön!!

Leb tausendmal wohl, guter, lieber, Trauter, Seelenvoller, Herziger.

Bin von Ewigkeit zu Ewigkeit Amen
Dein Schubart.

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