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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 86
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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84. Klamer Eberhardt Carl Schmidt an Friedrich von Matthisson

Halberstadt, den 12. May 1794.

Alle Pulse meiner Seele schlugen, alle Gedanken meiner Seele versammelten sich, Feste der Freude zu feyern, als Vater Gleim mir Deinen Brief gab. Ich hatte große Lust, lieber Matthisson, auf Tischen und Stühlen herumzuspringen, wie die Nachtigall zur Blüthenzeit von Zweig auf Zweig hüpft. Allein ich war bey Vater Gleim, fürchtete des alten lieben Klassikers Veto, und so mußt' ich es schon gut seyn lassen. Und gut wär' auch Alles, wenn kein Zahnweh und kein Fieber wäre. Nun aber fürchtet der Liebende Alles für den Geliebten, und nur Dein Temperans: »Ich hoffe die baldigste Besserung; vielleicht ist Morgen schon wieder Alles im alten Gleise«, spricht mir wieder Muth ein. Dies »Morgen« ist nun schon ehegestern gewesen, und ein Tag ist indeß wieder abgelaufen. Kurz, mein Matthisson, Du sollst und mußt wieder wohl seyn, sic volo, sic jubeo; so will's mein despotisches Herz haben.

Mein Brief hätte so tief Dich gerührt, lieber Matthisson? Was ich Dir Rührendes könne geschrieben haben, weiß ich nicht mehr. Damals schwebt' ich noch in der Glorie Deines Hierseyns. Heute bin ich schon melancholischer, und senke die Fittiche meines Geistes anstatt sie zum Fluge auszubreiten.

Und doch, wie unglaublich viel hat durch den Zauber einer neuen Freundschaft, wie die Deinige, mein ganzes Daseyn wieder an Reiz gewonnen! Noch letzthin, als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu Einer Idee sich in mir zusammendrängten, wie die drey lieblichsten Farben im Bogen des Bundes, noch letzthin sang ich:

O Du des Daseyns freundlich Angewöhnen,
Einst ungern trennen werd' ich mich von Dir,
Erinnerung, die Gestern mir
Zu Heute macht, vorüberfluß
Des süßen Heut', und leises Sehnen
Nach Morgen: Ja, dreyfältiger Genuß!
Die ohne Schmerz aus Deinem Himmel scheiden,
Sie hatten wohl nicht viele Freuden;
Sie opferten, wie ich, und Freund Horatius,
Wohl niemals ihrem Genius!

Auch eine der herrlichen Waldnymphen von Wernigerode, Luise Stolberg, schwebt noch in der Glorie Deines Dortseyns. Höre nur, was sie mir schreibt:

»Erst gestern konnten wir unser Familienfest feyern, und vielleicht war diese Verzögerung das Werk unsres guten Geistes. Denn nun war Matthisson dabey, ohne daß wir es ahneten; ein Glück, das ich im schönsten meiner Träume nicht zu wünschen wagte. Lieber Schmidt, wie viel Recht hatten Sie, als Sie mich bedauerten, daß ich Matthisson's Bekanntschaft nicht gemacht hätte. Sie macht mich und uns Alle so glücklich, daß wir noch immer jedes seiner Worte wiederholen, und, ohne daß wir es selbst wollen, ist er beynahe der einzige Gegenstand unsrer Unterhaltung.«

Du siehst, wie wohlwollend mein guter Geist, gleich nach Deiner Abreise für mich gesorgt hat. Solcher Briefe von Deinen Verehrerinnen hätt' ich alle Tage nur ein Dutzend bekommen sollen, und ich würde Deinen Verlust weniger gefühlt haben!

Vielleicht bist Du nun schon auf dem Wege nach Wörlitz oder nach Weimar! Schreibe mir doch auch von dort her ein kleines: Et in Arcadia ego! Wie der Sänger der Musarion den Sänger Elysium's empfangen wird, wie gern möcht' ich dabey seyn. Was sind alle Tafeln der Gewaltigen gegen Geistesgenuß!

Vergiß auf dem Schauplatze Deiner Kinderjahre des Freundes nicht, der mit wehmüthiger Sehnsucht Deinen Schatten umarmt, Deines

Klamer Schmidt.

*

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