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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 83
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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81. Johann Georg Forster an Jacobi

Cassel den 1. Dez. 1778.

Ich halte Wort, liebster, theuerster Jacobi, und mache es zu meinem ersten Geschäft, Ihnen zu melden, daß ich glücklich, d. i. ohne Hals- und Beinbrechen, angekommen, obwohl ich hundertmal Gefahr gelaufen, und mein Kreuz ganz mürbe gestoßen ist. Nun glauben Sie ja nicht, daß es mir eigentlich ums Worthalten zu thun ist; wenn ich Ihnen schreibe, ists purer Eigennutz; ich möchte so gern unaufhörlich um Sie seyn, und jeder Augenblick wie der jetzige ist für mich eine Wohlthat, ein Genuß, den nur die Wirklichkeit übertrifft. In meiner Einbildungskraft stehen Sie vor mir. Ich schaue in das weite, offene, durchdringende Auge tief hinein, ein Heller Lichtstrom fließt aus Ihrem Blick, den ich begierigst einschlürfe. Dann überfällts mich wieder, daß ich die große weitschauende Seele nicht fassen kann; das Gefühl eigener Schwäche drückt mich nieder, und der Lichtstrom brennt wie elektrisches Feuer, daß ich nicht länger im Stande bin, ihn zu ertragen – und blinze. Courage mon coeur, wieder aufgeschaut! nicht in die funkelnden Augen, sondern auf die schöne hohe freundliche Stirne, die wieder sanftes Zutrauen erweckt, die mir meinen Platz in dem edelsten Herzen anwies und meines Jacobis Hand mir reichte, wo die Sonne so warm, wohlthätig und milde scheint, und dann verirrt in den vertraulichen, melancholischen Wald der schwarzen Augenbraunen, daß der sanften Henriette eine stille, sympathetische Thräne geweint, und mit dem lieben Schwärmer Woldemar Arm in Arm die Eine gesucht, die nie gefunden ward und nicht zu finden ist.

Zurück aus der idealischen Welt in die wirkliche. So wie Woldemar sich die Eine dachte, so kann sie in diesem unvollkommenen Leben bei unfern Mängeln und Einschränkungen nicht gefunden werden. Aber diese einzige innige Seelenmischung beiseite, gewinnen wir nicht auf eine andere Art dadurch, daß wir fähig sind, mit mehrern Personen Liebe und Freundschaft zu pflegen, innigste wärmste Freundschaft, zärtlichste Liebe? So denk' ich wenigstens jedesmal, wenn ich Ihre beiden trefflichen Schwestern in Gedanken um Sie sehe und so ganz anschauend Ihre gegenseitige Liebe im Innersten meiner Seele sich verklärt. Glücklicher, beneidenswerther Fritz, der so geliebt wird und keine Trennung befürchten darf. Himmel! und Amalie! Für uns gewöhnliche Menschen wäre so viel Wonne zu mächtig. Da erkennt Ihr großen Seelen Eure überwiegenden Kräfte und seyd stolz darauf! Hat Goethe auch Schwestern?

Da kommen Besuche, appointemens, neue Bekanntschaften, – kurz, ich bin unterbrochen worden und muß schließen. Aus Weimar schreibe ich wieder. Lieber, Bester, bleiben Sie mein Freund und sagen Sie Ihrer liebenswürdigen Gattin, Ihren guten Schwestern, dem lieben Grafen Hesselrode, dem giftigen Heinse, dem sanften Hesse, – dem ehrlichen Rector, daß ich während meiner fünftägigen Reise hierher immer ohne alle Gesellschaft geblieben und folglich Zeit genug gehabt habe, meinen Verlust in seinem ganzen Umfange zu fühlen. Ach! könnte ich Sie wieder an dies einsame, öde, verlaßne Herz drücken! – Adieu! Ich fühle es, Göthe hat Recht, mit seinem Menschen, der auf sich selbst vertraut. Nur schade, daß ichs nicht kann.

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