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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 79
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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77. Johann Georg Hamann an Herder

Königsberg, den 2. Mai 1784.

Herzlich geliebtester Freund! Am lieben Palmsonntage, der mir lieber geworden, seitdem er mir meine älteste Tochter gebracht, kam Ihr Brief und einer von Reichardt an. Nun, der das Leben gibt, wird auch alles, was dazu gehört, uns schenken, und Erndte wird auch erfolgen zu seiner Zeit, wenn gleich die Sichel eben so müde macht, und zuweilen mehr Schweiß auspreßt, als der Pflug. Gott wird für Kelter und Tenne sorgen, den Mühseligen zu erquicken.

Ihr Wunsch ist erfüllt. Meine drei Bogen Golgatha und Scheblimini gehen mit der morgenden Post ab. Ich habe das ganze Jahr daran gearbeitet, und ich glaube über ein Buch Papier verschmiert, immer gegen Verstopfung und Durchfall der Gedanken und des Styls zu kämpfen gehabt; wurde endlich überdrüssig, die letzte Hälfte auszuglätten und zu vollenden ...

Von thörichtem Autorwesen, wie Sie es gut nennen, Herzensfreund, genug. Gott wolle Frühling und Arznei an meiner verehrungswürdigen Frau Gevatterin gedeihen lassen, und Ihnen auch nach verrichteter Arbeit Ruhe und etwas besseres als Autorruhm und Kunstrichterbeifall schenken – andächtige, erkenntliche, zufriedene, erbaute Leser; denn über den sympathetischen Einfluß des Geistes und die süßen Eindrücke dieses Gefühls geht nichts. Er verhält sich zur Frauenliebe, wie der sanfte stille Mondschein zum urit fulgure sur der schwülen Sonne.

Eben erhalte einen Brief von Dr. Lindner aus Wien, dessen langes Stillschweigen alle seine Freunde besorgt gemacht hat. Es ist eine Einlage an die alte Mutter. Muß mich also anziehen, um der armen, verlassenen Wittwe eine Freude zu machen. So spielt der Lauf der Dinge mit allem meinem Vornehmen. Ich dachte mich heute nicht von dem Großvaterstuhle zu rühren, und hatte Ihnen den ganzen Tag zugedacht. Immer ein anderes Intermezzo für die Fabel jedes Tages und seinen Plan.

Nun, Gott lasse Gesundheit, Ruhe und Freude in Ihrem ganzen Hause grünen und blühen. Ich küsse Ihrer treuen Gehülfin die Hände, und umarme Sie unter tausend Wünschen für Pathchen und Geschwister.

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