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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 75
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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73. Herder an Christian Gottlob Heyne

(Bückeburg) den 21. Februar 1772.

Da bin ich, mein lieber, süßer, gefundener Freund, wieder in meinem Neste, und muß, wenn es auch nur Reihen wären, dem Boten mitgeben, der mich von Ihnen fuehrte. Mit welcher Empfindung ich Sie verlassen, kann und will ich nicht sagen: daß ich aber den Rueckweg mit einer Heiterkeit, mit einer Stille der Seele gethan, die alle Mattigkeit zerstreute, die mich lauter Gesundheit und Existenz fuehlen ließ, die mir alte Scenen um mich aufklaerte, und in der so oft, so oft Ihre Stimme in meinem Ohr klang und mich begleitete – nur dies will ich sagen. Nicht bloß der Abend Ihrer Geschichte wird mir lebenslang unvergeßlich sein: die Geschichte selbst und die Seele, die sie erzaehlte, und die sich, in ihr gebildet, mit jedem Worte darstellte – lassen Sie mir das Bild dieser zu meinem freundschaftlichen Engel! zum Bilde der Sanftheit, Tugend und Ausdaurung, dessen ich so noethig habe! Ich weiß, lieber Freund, ich bin Ihres ganzen guten Herzens in all seinem Umfange nicht wert; aber einen Teil davon verdiene ich wahrhaftig, und den entziehen Sie mir nicht. Sehen Sie Bueckeburg als den Ort an, der Ihnen dazu so nahe liegt, oder mich, der ich Ihnen so nahe leben mußte, in einer Wueste leben mußte, um Ihre Stimme um so tiefer und inniger zu fuehlen. Sie wissen nicht, was bloß hingeworfene Worte bei mir schon für Eindruck gemacht haben, und der Anblick Ihres ganzen Exempels – fast nie bin ich mit einer Reise vergnuegter gewesen als mit dieser.

Nur, lieber kleiner Manichaeer, auch Sie muessen etwas den Nebel von Menschengleichgueltigkeit zerstreuen, der um Sie liegt. Sie moegen freilich dazu so viel Anlaß haben, er mag immer ein so duenner, seidener, Sie nicht mißkleidender Flor sein, als ers wirklich ist – er sollte doch weg, und Ihr ganzes Gesicht sich voll und klar zeigen. Was Hiob hinter seinem letzten Kapitel gethan, ist aus unsrer Bibel ausgerissen, aber kurz! – Ihre Seele sollte die klingendste, toenendste Theodicee Gottes sein, und das aller Welt zeigen.

... Wir haben so wenige Stunden ungetheilt und unzerstreuet zusammen zubringen koennen, daß es nur Winke und Mienen sind, die ich von Ihnen gesehen. Vergueten Sies zuweilen durch Ihren Briefwechsel, und glauben Sie, daß ichs Ihnen nie sagen werde, mit welcher ewigen Achtung ich an Sie gedenke.

Ich umarme Sie, liebster Freund, in der Abwesenheit mit meiner ganzen Seele.

*

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