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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 73
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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71. Johann Caspar Lavater an Herder

Noch niemals habe ich das empfunden, was ich jetzt empfinde, da ich mich hinsetze – an Sie, mein auserwähltester Freund – zu schreiben. O wie sorgtest du für mich. Kennerin des Herzens, Freudeschöpferin! Fürsehung! wie wenig hab' ich dir noch umsonst geglaubt! – Schon zwanzigmale dacht' ich Herdern zu schreiben – und so oft ich Ihren Namen hörte – schlug mir mein Herz, sagte mir mein Herz: »Den Mann schenkt dir Gott noch – und dann hast du Menschen genug.« Anderthalb Stunden, eh' ich Ihren Brief – o wie gern sagt' ich meinem Bruder – meinem auserwählten Mitunsterblichen – Deinen Brief – empfing, unterredete, berieth ich mich mit meiner lieben, guten Frau von Verminderung, Erleichterung, Einschränkung, Anordnung meiner beinahe unerschwinglichen Geschäfte, Correspondenzen u. s. w. Nur Herdern, hätt' ich laut gesagt, wenn meine ganz ungelehrte Frau Sie gekannt haben würde – nur Herdern, dacht' ich, den nehm' ich aus; der muß mir noch werden – dem muß ich mich noch mittheilen – ohne den kann ich nicht leben und sterben. – Und an dem Abend kam ein Brief. – Eine unserer Herzensfreundinnen hatte mich in einer kleinen Unpäßlichkeit besucht. – »Ein neuer Brief«, sagt' ich, »und erst den Abend verhieß ich, keine neue Correspondenz anzunehmen« – öffnete – »Herder.« »Um Gotteswillen!« rief ich aus. »Guter, unerforschlich guter, guter Gott! – von Herdern!« – Ich zitterte, las und las nicht – und sagte wieder: »Nein, was nur Gott thut!« – Dein Gott, mein Bruder – und der meinige – unser, unser Gott – mein unaussprechlicher Versteher und Verstandener.

Itzt, Freund, kann ich nicht antworten – aber schreiben muß ich – und wollte lieber weinen – hinübergeisten – zerfließen – an Deiner Brust liegen – meine Herzensfreunde, zwei Freundinnen mit mir Dir zuführen – und sogar – nicht sagen, blicken, drücken, athmen: »Du bist und wir sind«. Aber früh, früh muß ichs Dir sagen, Du einziger – ich bin nicht so gut, als Du mich glaubst – wenigstens nicht durchaus – und dann – doch was sollte das Herdern sagen! – das weißest, durchfühlest Du schon – ich bin der Gelehrte und Philosoph nicht, den man in mir sucht.

Und nun noch im Vorbeigang: Sehr viel hast Du recht, völlig recht – was Du über die »Aussichten« urtheilst! wo ichs noch nicht sehe, werde ichs sehen, wirst Dus sehen. – Glaube mir (denn ohne Glauben ist es unmöglich, mir zu gefallen), ich bin nicht eigensinnig – und nicht zufrieden – bis ich ein Kind bin – wie unser lieber Herr sagt – der es auch war. Laß Dir für jedes Worth himmlischer Weisheit die Hand küssen, womit Du meine Eigenheit tödtest. Ich will ein Thor werden, damit ich weise werde.

Letzte Woche meines 31. Jahres, 10. November 1772 – unvergeßlich sollst Du mir sein – Geburtstag meiner ewigen Freundschaft mit dem Liebsten unter allen, die mein Auge nie sah – Freundschaft mit Herdern (Deinen ganzen Namen das nächstemal!) – mit dem, den ich nie ohne Ehrfurcht ohne stumme Thräne nennen hörte.

Fürchterlich wäre mir Deine überwiegende Gelehrsamkeit, Dein mich verschlingender Genius – wenn Du nicht Mensch, nicht Fleisch von meinem Fleisch und Gebein von meinem Gebein wärest, nicht fühltest – daß ich nichts bin – vor Gott – Du nichts bist vor Gott – und Du und ich alles werden können durch Gott, was wir nach seiner Absicht werden sollen – Aug' oder Fuß – allemal Glieder Christus' – beseelt von dem, den keine Namen nennen.

Was sag' ich zuerst, was zuletzt? – Mein erster Herzensfreund ist Pfenninger. – Du wirst ihn bald kennen und lieben. Wir räsonniren nicht mehr – in allen moralischen Dingen können wir uns auf einander verlassen. Es ist nichts in diesem Felde für uns Problem mehr – das heißt, von Gott gesegnet sein! Tobler und Heß sind beide Dutzfreunde von mir, liebe Leute, unentbehrliche Gehilfen – aber beide zusammen nicht Pfenninger. Mehr als er im Detail – minder in Anlagen – und dann welche Bescheidenheit – bei Pfenninger! (Diese Stelle les' ich ihm nicht.) Zwar auch Tobler und Heß sind sehr bescheiden – und sehr redlich. –

Spalding – mein lieber, frommer Spalding – ist – nicht begeistert von Christus – Christus sag' ich, und meine nicht Vorschriften von ihm. – Ach Gott! wohin kömmts! – Ihn, ihn will niemand sehen – Semler und Teller und Sack und Eberhard – und die ganze Schaar der Denker nicht mehr. – O Herder – ich beschwöre Dich – hilf mir ihn, ihn darstellen. Aber nun noch im Ernste. – Doch wir wollen resigniren lernen, wollen nicht wider die so gute, zärtliche Fürsehung streiten, ihr nichts abzwingen, ihr vieles zutrauen, alles überlassen. Jsts nicht möglich, daß wir uns sehen? – Habe Deine Lust an dem Herrn, so wird er Dir geben, was Dein Herz begehrt.

Ich habe zwei Kinder, von 4 und 1 Jahr – und eine Frau – die mir Gott gab – wie er mir Herdern gab. – Meine lieben Eltern leben noch – ich habe zween ungleiche Brüder, drei gute Schwestern – bin Helfer am Waisenhause – in guten Umständen. Hier ist ein schlechter Abdruck eines unvollkommenen Portraits von mir. –

Aber alles, alles von Dir – erwart' ich nun auch – bitte nicht mit keinem Wort um Verzeihung.

Noch eine Zeichnung leg' ich bei – von einem lieben Manne. Ich wünschte, daß sie besser gerathen wäre – aber Du nimmst sie von meiner Hand – an – weil Dein Freund – den Du in Holland in einer Ecke das erstemal mit Deiner Freundschaft beseltigtest – das Urbild davon ist.

Ahnde nun, mein Bruder, was ich von Dir erwarte.

Zürich den 10. November 1772.

Johann Caspar Lavater.

N. S. Den Brief aus Lievland, Deinen ersten, hab' ich nicht gehalten. Und Du den dritten Band der »Aussichten« nicht gesehen?

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