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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 72
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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70. Matthias Claudius an Herder

(Wandsbeck im Spätjahr 1771.)

Mein lieber Herder!

Ihr letzter Brief hat mir Mark und Bein erfreut – und ich strecke meine Hand nach Dir aus, sympathetischer Jüngling, und sage Dir, daß der Tag, an dem ich am Flügel des Adlers zuerst Dein Angesicht gesehen, so oft er wiederkommt, für mich ein Festtag sein soll.

Fragen Sie nicht, warum ich so lange nicht geantwortet habe. Ich bin krank gewesen – hypochondrisch gewesen – verliebt gewesen – weiß selbst nicht, warum – kurz und gut verdiene deswegen zweimal 40 Streiche weniger eins. Ja, ja, ist wahr, meine bonmots aus Adreßblatt und Zeitung sollen zusammengedruckt werden, und die wollt' ich mitschicken, sind aber noch nicht fertig, ist noch nicht daran angefangen. Ad vocem verliebt fällt mir ein, daß ich Sie wohl bei Ihrem Mädchen sehen möchte. Sie fallen ja wohl oft für Liebe auf die Erde, und springen ja wohl oft für Liebe an die Decke, und schreien wohl oft aus lautem Halse und verstummen wohl oft. Ihr Mädchen ist, hab' ich gehört, aus Veilchenduft und Mondschein zusammengewebt; 0 du lieber Jüngling, wie gönne ich sie Dir so herzlich und Dich dem Mädchen! Meins ist ein ungekünsteltes, rohes Bauernmädchen im wörtlichen Verstände, aber lieb hab' ich Sie darum nicht weniger, mir glühen oft die Fußsohlen für Liebe.

Hier kann ich nicht bleiben, ob mir gleich der Baron, wie er zu sagen geruhet, gerne behalten will, und ich hoffe auf Erscheinungen von Ihrer Seite, und wenn es zu Anfang auch nur ein Geringes wäre; ich bin ja nicht gebunden, nur muß es etwas anders sein als Ihr Haus und Ihr Garten. Wir sind ja noch nicht in Elysium und dem himmlischen Jerusalem. Wenn mich nun der T** ritte, so ein Wort anzunehmen? – –

Schimpfen und schmähen Sie, so viel Sie wollen, nur schreiben Sie bald wieder; ich will auch, wenn Sie es haben wollen, bald wieder schreiben.

Was Sie letzthin von aufgewärmtem Kohl schrieben, mag seine gute Richtigkeit haben; aber die Fabel »Kukuk und Nachtigal« möchte ich doch gar zu gerne einrücken dürfen. Sie ist unbegreiflich schön, wie denn das Geschwätz Ihres Hundes zu sein pflegt. Leben Sie wohl.

Claudius.

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