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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 71
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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69. Johann Gottfried Herder an Merck

(Straßburg) den 12. Sept. (1770).

Ja, ich sehe sie – lieber Fr., die arme Unschuldige, wie sie in Ihrer melancholischen Zaubergegend dasteht, mit thränendem Auge den wüsten Fels umarmt, und mit leeren ausgebreiteten Armen in die Wüste des äthers hinspricht – ich sehe die ganze rührende Scene, einsylbig wie der Blitz in den Wolken und die elektrische Empfindung im menschlichen Herzen. Mein Genius hat mir Nichts davon gesagt: ich habe nachgerechnet, und finde mich den Tag in einer Predigt, die mir auf den ganzen Tag den Kopf verwüstete, daß ich im Getümmel des Hofes, und nachher in einem Zimmer voll leerer Visiten, und denn im Mondscheine mich umhertrieb, und nur spät beim Abendessen, wenigstens von der Seite des Geistes zu mir selber kam. Die Sympathien der Schutzgeister hören auf, und nur Freunde können statt ihrer sprechen – Freunde, wie Sie – Gott! was fühle ich bei Ihrem Briefe. Da sind Scenen und Bilder und stumme Lacunen, die mich zur Bildsäule machten, und mich nachher, bei jedem Wiederlesen, tausendmal beseelen. Wenn je Ihre Briefe, mein lieber M. (ich nehme die Geschichte Ihres Herzens in der Schweiz aus), wenn sie von einem Freunde mit mehr als Unsterblichkeit, apotheosirt sind: so werden sie's von mir: mein Gott! wie vielmal habe ich Ihren Brief von gestern gelesen! Fühlen Sie, Freund, den glücklichen Platz, auf dem Sie stehen und nur Einmal in Ihrem Leben stehen werden, der Dollmetscher zwischen zwei Herzen seyn zu können, die sich nur durch Sie verstehen und beide ihre geheimste Empfindungen in Ihren Busen gießen! Fühlen Sie das Glück und werden Sie seiner Werth. Keine Scene von solcher Art fliege Ihnen vorbei, die Sie mir nicht mit dem weichen Feuer vormalen wollten, von welchem Ihre ganze Natur und Ihr Herz zusammengeweht ist. Glauben Sie, solche hat Yorik nicht gesehen, und würde sie nicht, wie Sie, malen: ein Engel würde sie malen wollen, denn sie geschehen nur alle Jahrhunderte Einmal in Europa und alle Jahr Einmal in Nordamerika. Sie sind die geheimsten Cabinetsstücke des edelsten, unschuldigsten, zartesten menschlichen Herzens, und für mich Bilder einer andern Welt – und Sie, grausamer Fauler, sagen in Ihrem ersten Briefe – »Sie könnten mir tausend solche Bilder, solche Scenen, solche Personifikationen meines Wesens beschreiben; allein sie würden mein Innerstes zerreißen!« Elende Schonung! wüßten Sie, daß ich seit jetzt 8 Tagen in Strasburg noch keinen kenne, keinen gesehen, keinen besucht habe: wüßten Sie, daß ich nicht lesen kann, oder wie an den Katarakten des Nils in Betäubung lese: wüßten Sie, daß meine einzige grausame Zuflucht ist, mich auf dem griechischen Theater, unter den Iphigenien, Hekuben, Polyxenen, Oresten und Antigonen, und Elektren und Philokteten umher zu werfen, um mich durch lauter Schläge und Wunden der Menschheit, und durch lauter Höllenklagen der Elenden zu betäuben – wüßten Sie auf der andern Seite, was dergleichen Scenen auch nur mit halben Worten der Echo, auch nur mit den stummen Sylben des Herzens gestammelt, für Balsam für meine Seele, und für Himmelsidole meiner Phantasie und meines ganzen Innersten seyn würden, in das sie sich wie in Wachstafeln, in weiße weiche Leimadern, die zu ewigem Marmor werden, hineingrüben und meine ganze Seele formten: wüßten Sie auch für sich selbst, daß dergleichen Scenen für Sie, hinreisender Erdmensch, nur Einmal geschehen, und Sie sich dieselbe Einmal nach Jahren und Entfernungen mit ganz andern Zügen denken werden – Freund! was würden Sie thun! wieviel würde ich Ihnen zu danken haben! Aber wenn weiß der Mensch, was zu seinem Frieden dienet!

Lieber, gutherziger M., ich sehe und weiß, daß Sie mich lieben, und Ihr fühlbares Herz, das ich auf meinem Wege fand, ist für mich ein Geschenk des Himmels; was für ein siebenfach theureres Geschenk, wenn es auch in diesen Situationen für mich fühlt, um nachher zu mir zu reden! Sehen Sie, ich habe hier keinen Freund, der mein Herz sehe, der auch nur einen Wink davon verstehe: ich bin unglücklich und lebe im Dunkeln; meine Freundin aber hat das Glück, Sie an der Seite zu haben, der Sie Alles fühlen »sie suchen sich, wie Sie schreiben, als Liebende auf – Sie sehen sich als Landsleute in der Fremde an – Sie reden eine Sprache, die niemand als Sie versteht – Sie drücken sich die Hände, sehn sich mit Vergnügen ins naße Auge« das Alles konnte Merck schreiben und mich als einen Verbanneten ansehen, der nur noch bei Ihnen lebt, weil Sie sich meines Accents erinnern. Nein, mein Fr., lassen Sie auch mein Herz bei Ihnen leben, und nähren Sie es mit dem Echo der süßesten, unschuldigsten Empfindungen, die je einen weiblichen Busen gehoben. Die Briefe meiner Freundin sind die Sprache, die Ausflüsse des Herzens selbst. Sie wissen das Herz hat keine Sprache, die sich schreiben lasse: es spricht lebendig, durch Mienen, durch Auftritte, durch stumme Scenen, durch Bilder und Personificationen, durch einen Himmelsanblick des Auges und durch ein Ergreifen des Felsstücks. – O nehmen Sie einen Strom meines Feuers, um der Überbringer dieser Sprache zu werden, und Sie sind mehr als mein Genius! ...

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