Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Verschiedene Autoren >

Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 67
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
Schließen

Navigation:

65. Wieland an Lavater

W. den 4n Merz 1776.

Engel Gottes! Lieber, bester Lavater! Mein Herz allein nennt Deinen Nahmen! Glaube nicht, bester, daß ich zu gut von Dir denke. Gewiß ich thue es nicht. Aber ein großes seliges Gefühl dessen, der Dich gemacht hat, dessen Organ Du bist, durchdringt mich fast allezeit so oft ich an Dich denke!

Verzeyhen Sie mir diese Vertraulichkeit. O Lavater, Sie können auch Menschen, die nichts als natürliche Menschen sind, lieben und Bruder nennen. Ich bin Ihr Bruder! Ich fühl' es, daß ichs bin!

Aber Lavater ein Müdling! – Ich kan Ihnen nicht beschreiben, wie es mich im Innersten verwundet und schmerzt, daß ich Sie unter dem Drang solcher Arbeiten, solcher Geist und Leib erschöpfender Arbeiten und Sorgen seufzen ehe, und dann noch denken muß, daß es Menschen gibt, die es über ihr Herz bringen können, meinem Lavater sein Leben zu verbittern, seine Bemühungen, die jeder gute aufmunternd, mit Liebe belohnen sollte (wenn ich so sagen darf), ihm zu erschwehren – Weg mit ihnen! Ich kan nicht ohne Grimm an solche Menschen denken. Ich habe keine Geduld für sie. Und doch ist es auch Liebe, wenn ich über solche Menschen ergrimme.

Eben izt, bester Mann, erhalte ich die beyden Platten Hutten und Hans Sachs. Große Freude darüber und herzlichen warmen Dank dafür und für die Erlaubnis Ihnen noch 6 zu schicken. Sie fühlen (wie ich), wie wesentlich mir Lips zu diesem Geschäft ist; es gibt außer Chodowiecki gar keinen anderen Künstler so, der zum Physionomiehascher so gemacht ist, wie Lips. Mit erster Post schicke ich wieder ein paar brave Männer aus der Zeit meines Lieblings Maximil. I.

Unser Göthe ist seit vorgestern wieder mit dem Herzog bey Dalberg in Erfurt und kommt erst morgen Abend zurück. Ist auch ein Müdling, nur auf eine andre Art: Denn ach! l. Lavater, denken Sie sich einmal Favorit und fac totum und Göthe zusammen! Und fac totum, das am Ende doch nicht den 100. Theil von dem thun kan, was er gerne thäte. Und gleichwohl sehen Sie aus Herders Berufung zum General-Superintendenten und 6. Hofprediger, daß Göthe etwas thut. Ich stelle mir seine hiesige Existenz als ein Farao-Spiel vor. Der Herzog hält die Bank, Göthe pointiert wider ihn. Göthe sezt 1. 2. 3. 4. Oft 8 und mehr Tage auf eine Karte; verliehrt manchmal: aber weil er sein Spiel poussirt, so braucht er auch nur wieder ein einziges trente-leva oder soixante-leva zu gewinnen, so ist alles wieder ersetzt. So ein trente-leva gewann er mir Herdern – doch Sie verstehn mich wol nicht einmal mit meinem Farao und meinen trente-levas?

Verlassen Sie sich inzwischen darauf, daß Göthe in allem dem Wirbel, worinn er sich dreht, Sie und die Physiognomik nicht vergißt und daß er alles im Gang erhält. Ich freue mich unsäglich auf diesen kommenden 2n Theil. Aber alles, was Sie dazu bestimmt hatten, kan und soll doch wohl nicht in den 2n Theil kommen? Es würde ohne alle Proportion dicker als der erste und wozu das? Doch darüber hat Ihnen Göthe wohl schon geschrieben, oder thuts nächstens. Ihnen, Liebster, wäre izt Ruhe und Erholung nöthig! Könnte ich nur 3 Wochen bey Ihnen seyn! Aber ich fühl' es voraus, Sie würden mir zu lieb werden. Ich würde im eigentlichen Sinn vor Liebe krank werden; und sterben, wenn ich Sie wieder verlassen müßte.

Von unserer Herzogin Louise? Was kan ich Ihnen sagen? Sie ist ein Geschöpf aus meiner lieben Niobes Familie; gleicht einem Weibe aus der Unschuldswelt, oder aus den guten Homerischen und Patriarchalischen Zeiten wenigstens. So mag Rebecca oder Alceste oder Artemisia ausgesehen haben und gewesen seyn. Und doch ist sie nicht glücklich und macht nicht glücklich! Ein trauriges Räthsel! – So ist alles in dieser Welt und verhältnißweise gut oder bös.

Ihr Briefchen, mein Lieber, kan ich Louisen erst morgen geben. Ich sehe sie sehr selten; und wohl mir, daß ich sie selten sehe. Sie ist, nach Seel und Leib, eine idealische Form für mich und würde mir mehr Liebe einflössen, als unser Verhältniß tragen möchte. Warum kan C. A. den Engel nicht aus meinen Augen sehn? – Warum? – Warum? – Was helfen uns die Wenn's und Warum's? S'ist nun so und soll so seyn, – wie alles übrige.

Täglich ist unter meinen Lieben die Rede von Lavater, mit so herzlicher Liebe, Theilnehmung, Freude, Bekümmernis etc. etc. Sie sollten's manchmal fühlen – wenn Herzen einander in einer solchen Distanz fühlen könnten. O Du bester, segne, stärke, erhalte Dich Gott.

*

 << Kapitel 66  Kapitel 68 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.