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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 64
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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62. Julie von Bondeli an Zimmermann

(5. April 1769.)

O, mein lieber Freund, kehren Sie zurück, kommen Sie wieder zu Ihrer Freundin, die selbst bei der Unkenntniß, in der Sie dieselbe über Ihr Schicksal und über Ihre Freundschaft gelassen haben, Sie niemals aus den Augen verloren hat und der Sie stets der Herzensfreund geblieben sind. Ein Wort, eine Zeile, eine einzige Zeile von Ihrer Hand würde mein Herz mit höchster Freude erfüllen! Sollten Sie es verweigern, lieber Freund? Bedenken Sie, wie sehr Sie die Summe meines Glückes vergrößern würden, wenn Sie länger schreiben wollten, schreiben könnten, wenn Sie ferner noch gegen mich jenes Vertrauen ausschütten könnten, welches wir so schön gekannt haben und dessen meine innige Freundschaft mich immer würdig macht! – Mein lieber Freund, wie hat sich mein Schicksal geändert! Früher niedergedrückt von physischen und moralischen Leiden, fühle ich mich gegenwärtig glücklich und wohl, soweit man es in einer vergänglichen Welt sein kann; – mein Glück wird nur getrübt durch die Leiden eines Andern, durch die meines lieben Zimmermann. Aber jenes vollkommene Wesen, jenes Wesen, dessen Unermeßlichkeit und Allmacht vor meinem Geiste verschwinden, um nur seine Güte und Liebe zu fühlen, jenes Wesen ist auch der Freund meines Freundes, und stets empfehle ich seiner Fürsorge meines Freundes Wohl. – – Aber wohin schweife ich? Ich war in einem vollständigen Traume; ich schrieb an meinen Freund; er war bei mir, vor meiner Seele, und mein Geist überläßt sich einem süßen Geplauder, als ob wir nur wenige Meilen noch von einander entfernt wären. – Sie werden mir mein langes Geschreibsel entschuldigen, nicht wahr? Sie werden auch Ihre Rückkehr hierher nicht als unmöglich ansehen, weil sie es in Wahrheit nicht ist, auch nicht so umständlich ist, wie Sie dieselbe machen. Dann werden wir uns wiedersehen; wir werden zusammen alt werden, werden in Eintracht schwatzen und – was auch die Nachkommen davon sagen mögen – werden gegen Alle behaupten, daß wir mehr Geist haben als sie. Mein lieber Freund, wie rührt und entzückt mich dieses Gemälde! Sollte es für Sie ohne Reiz sein? Schreiben Sie mir auch über Ihre liebe Frau und sagen Sie ihr tausend recht herzliche Sachen in meinem Namen; der Augenblick, wo ich Ihre Vermittlung nicht mehr werde nöthig haben, um zu ihr zu kommen, wird für mich ein glücklicher Augenblick sein. Ich schließe meinen Brief, weil das Papier zu Ende ist, aber mein Herz ist viel größer und alle die Gefühle der innigsten Freundschaft für Sie sind darin mit unauslöschlichen Zügen eingegraben. Seien Sie davon fest überzeugt und denken Sie oft daran, daß Sie für alle Zeiten und Umstände eine Freundin haben, die nichts Ihnen entreißen kann, nichts, weil ich nicht an den Tod als ein Ende einer Freundschaft wie die meinige glaube.

Adieu, adieu, mein lieber Freund, eine Zeile, eine einzige Zeile für Ihre Freundin Julie!

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