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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 54
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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52. Moses Mendelssohn an Lessing

Berlin, den 2. August 1756.

Theuerster Freund!

Sie müssen sich unmöglich das Vergnügen, das uns Ihre Briefe verursachen, lebhaft genug vorstellen können. Sie würden gewiß sonst manche Stunde den Endzweck Ihrer Reise, die Sättigung der Neubegierde, aus den Augen setzen, um desto öfter an Ihre Freunde zu gedenken, an Ihre Freunde, werthester Lessing, die es gewiß in dem ganzen Umfange sind, den Sie diesem Worte zu geben pflegen. Ich will dem allgemeinen Wahn der Menschen gerne allen Kummer verzeihen, daß er mir den besten Freund, den getreuesten Rathgeber von meiner Seite getrennt hat, wenn dieser beste Freund nur fortfahren will, mir die Versicherung zu geben, daß er mich noch liebet, daß er mich noch so zärtlich liebet als damals, da mir eine jede Unterredung mit ihm eine neue Aufmunterung war, beides meinen Verstand und mein Herz zu bessern. Noch eine einzige Versicherung wünsche ich mir von Ihnen, und wenn ich diese erlange, so will ich mich gern in die Nothwendigkeit zu schicken wissen. Wenn Sie Ihre Reise vollendet und einmal genug die Welt angegafft haben werden; wenn Sie sich dereinst entschließen werden, alle Ihre neugierige Blicke auf Ihr eigenes Herz und auf das Herz Ihrer Freunde einzuschränken: wollen Sie alsdenn diese ruhigern Tage bei uns zubringen? Wenn es Ihnen doch möglich wäre, hierauf mit Gewißheit Ja zu antworten!

Sie wollen, ich soll Ihnen Alles schreiben, was die Neugierigkeit eines Freundes zu wissen verlangen kann, und ich werde Ihnen melden, wie ich meine Zeit zubringe, weil dieses das Vornehmste ist, das ich von Ihnen zu wissen verlange. Ich bin der grübelnden Metaphysik auf einige Zeit ungetreu worden. Ich besuche Hrn. Nicolai sehr oft in seinem Garten. (Ich liebe ihn wirklich, theuerster Freund; und ich glaube, daß unsre Freundschaft noch dabei gewinnen muß, weil ich in ihm Ihren wahren Freund liebe.) Wir lesen Gedichte, Herr Nicolai liest mir seine eigenen Ausarbeitungen vor, ich sitze auf meinem kritischen Richterstuhl, bewundre, lache, billige, tadle, bis der Abend hereinbricht. Dann denken wir noch einmal an Sie und gehen, mit unsrer heutigen Verrichtung zufrieden, von einander. Ich bekomme einen ziemlichen Ansatz zu einem Belesprit. Wer weiß, ob ich nicht gar einst Verse mache? Madame Methaphysik mag es mir verzeihen! Sie behauptet, die Freundschaft gründe sich auf eine Gleichheit der Neigungen, und ich finde, daß sich, umgekehrt, die Gleichheit der Neigungen auch auf die Freundschaft gründen könne. Ihre und Nicolai's Freundschaft hat es dahin gebracht, daß ich dieser ehrwürdigen Matrone einen Theil meiner Liebe entzogen und ihn den schönen Wissenschaften geschenkt habe. Unser Freund hat mich sogar zum Mitarbeiter an einer Bibliothek gewählt, aber ich fürchte, er wird unglücklich gewählt haben.

Leben Sie also wohl, weil ich doch nichts Wichtigeres zu schreiben weiß, und bleiben beständig mein Freund, so wie ich unaufhörlich der Ihrige bin.

Moses.

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