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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 53
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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51. Lessing an Moses Mendelssohn

Ach, liebster Freund, Joel ist ein Lügner! Ihnen gestehe ich es am Allerungernsten, daß ich bisher nichts weniger als zufrieden gewesen bin. Ich muß es Ihnen aber gestehen, weil es die einzige Ursache ist, warum ich so lange nicht an Sie geschrieben habe. Nicht wahr, nur ein einziges Mal habe ich von hier aus an Sie geschrieben? Wetten Sie kühnlich darauf, daß ich also auch nur ein einziges Mal recht zu mir selbst gekommen bin.

Nein, das hätte ich mir nicht vorgestellt; aus diesem Tone klagen alle Narren. Ich hätte mir es vorstellen sollen und können, daß unbedeutende Beschäftigungen mehr ermüden müßten als das anstrengendste Studiren; daß in dem Zirkel, in welchen ich mich hineinzaubern lassen, erlogene Vergnügen und Zerstreuungen über Zerstreuungen die stumpf gewordene Seele zerrütten würden; daß –

Ach, bester Freund, Ihr Lessing ist verloren! In Jahr und Tag werden Sie ihn nicht mehr kennen, er sich selbst nicht mehr. O meine Zeit, meine Zeit, mein Alles, was ich habe – sie so, ich weiß nicht, was für Absichten aufzuopfern! Hundertmal habe ich schon den Einfall gehabt, mich mit Gewalt aus dieser Verbindung zu reißen. Doch, kann man einen unbesonnenen Streich mit dem andern wieder gut machen?

Aber vielleicht habe ich heute nur einen so finstern Tag, an welchem sich mir nichts in seinem wahren Lichte zeigt. Morgen schreibe ich Ihnen vielleicht heiterer. O, schreiben Sie mir doch ja recht oft; aber mehr als bloße Vorwürfe über mein Stillschweigen. Ihre Briefe sind für mich ein wahres Almosen. Und wollen Sie Almosen nur der Vergeltung wegen ertheilen?

Leben Sie wohl, mein liebster Freund. Die erste gute Stunde, die mir mein Mißvergnügen läßt, ist ganz gewiß Ihre. Ich sehe ihr mit alle dem unruhigen Verlangen entgegen, mit welchem ein Schwärmer himmlische Erscheinungen erwartet.

Breslau,
den 30. März 1761.

Lessing.

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