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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 52
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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50. Lessing an Karl Wilhelm Ramler

Leipzig, den 11. Decbr. 1755

Liebster Freund,

Sie wollen mir beweisen, daß die Pleiße und Lethe einerlei Strom wären? Das sollen Sie mit aller Ihrer Gelehrsamkeit nicht vermögend sein; oder ich will Ihnen dem ganzen dichterischen Alterthume zum Trotze beweisen, daß Lethe, wenn die Pleiße Lethe ist, nicht der Strom der Vergessenheit könne gewesen sein. – Nein, liebster Freund, ich habe in den wenigen Wochen, die ich aus Berlin bin, mehr als tausendmal an Sie gedacht, mehr als hundertmal von Ihnen gesprochen, mehr als zwanzigmal an Sie schreiben wollen und mehr als dreimal auch schon an Sie zu schreiben angefangen. In dem ersten Brief, welchen ich an Sie anfing, versuchte ich den Landkutschenwitz des Herrn Gellert nachzuahmen; denn Sie wissen, daß ich in einer Landkutsche von Berlin abreiste. Ich hatte zwar nicht das Glück, mit einem Scharfrichter zu fahren, und durfte nie, als bei den heftigen Stößen des Wagen, nach meinem Kopfe fühlen, ob ich ihn noch hätte. Ich hatte aber sonst eine lustige Person unter meinen Gefährten gefunden: einen jungen Schweizer nämlich, welcher sich den halben Weg über mit einen Oestreicher um den Vorzug ihrer Mundarten zankte. Doch ich besann mich gar bald, daß aus den Nachahmungen nichts komme, und fing einen zweiten Brief an, in welchem ich Original sein und die Schnaken ebensowohl als die Complimente vermeiden wollte. Die Complimente, liebster Ramler, aber nicht die aufrichtigen Versicherungen, wie schätzbar mir Ihre Freundschaft ist, zu der ich in Berlin zu spät gelangt zu sein, noch nicht aufhören werde zu beklagen. Ueber wen aber? Ueber mich selbst; über meine eigensinnige Denkungsart, auch die Freude als Güter des Glücks anzusehen, die ich lieber finden als suchen will. – In meinem dritten Briefe wollte ich Ihnen lauter Neuigkeiten melden und Ihnen alle Diejenigen nennen, die ich hier kennen gelernt. Ich wollte Ihnen schreiben, daß ich Herrn Gellert verschiedenemal besuchte. Das erste Mal kam ich gleich zu ihm, als ein junger Baron, der nach Paris reisen wollte, von ihm Abschied nahm. Können Sie wohl errathen, um was der bescheidene Dichter den Baron bat? Ihn zu verteidigen, wenn man in Paris etwas Böses von ihm sagen sollte. Wie glücklich, dachte ich bei mir selbst, bin ich, von dem man in Paris weder Böses noch Gutes redet! Aber sagen Sie mir doch, wie nennen Sie so eine Bitte? naiv oder albern? – Herr Gellert ist sonst der beste Mann von der Welt. Mein vierter Brief an Sie – – Aber es ist genug, daß ich Ihnen von den ersten dreien eine Probe zum Beweise gegeben habe, daß ich sie wirklich schreiben wollen. Mein vierter Brief also mag nur dieser sein, der erste, welcher seine völlige Wirklichkeit erlangt hat. Und das Wichtigste, was Ihnen dieser melden soll, ist dieses, daß ich auf Ostern mich ganz gewiß von meinen Freunden auf drei Jahre beurlauben werde. Ich habe unverhofft eine weit bessere Gelegenheit zu reisen gefunden, als der Herr Prof. Sulzer für mich im Werke hatte. Unser Weg über Hamburg nach Holland wird uns nach Berlin bringen, und ich werde so glücklich sein, Sie bald wieder zu sprechen.

Was ist unterdessen mit unsern Projekten zu thun? Mein Rath ist, daß Sie sie immer auszuführen anfangen sollen. Sie haben schon so viel daran gethan, daß ich nicht nur die ersten drei Jahre, sondern ganz und gar dabei zu entbehren wäre. Ich habe bei verschiedenen Verlegern schon von Weitem ausgeholt und mehr als einen nicht ungeneigt gefunden. Ich hoffe, Ihnen ehestens mehr davon schreiben zu können. Die Medea des Corneille mag immer wegbleiben, wenn Sie anders bei einer zweiten Lesung nicht wichtige Gründe für ihre Aufnahme finden. Es sind viele schöne Stellen darin, die Batteux mit Recht hat anführen können; allein das Ganze taugt nichts. Die schönen Stellen hat er größtenteils dem Seneca zu danken, welches man ihnen auch anmerkt.

Das Project zu dem Journal encyclopédique sende ich Ihnen hier wieder zurück. Ich danke für Ihre gütigen Absichten. Ich darf Ihnen aber nun wohl nicht die Ursache sagen, warum ich mich nicht damit abgeben kann, wenn ich gleich alle erforderliche Geschicklichkeit dazu hätte.

Haben Sie die Nicolai'schen Briefe von dem jetzigen Zustande der schönen Wissenschaften nunmehr gelesen? Man schreibt mir von Berlin, daß Herr Prof. Sulzer mich für den Verfasser halte. Ich bitte Sie, ihm dieses auszureden. Ich habe ebenso viel Antheil daran als an der Dunciade, die Gottsched hier mit aller Gewalt auf meine Rechnung setzen will. Und an dieser wissen Sie es gewiß, daß ich völlig unschuldig bin.

Leben Sie wohl, liebster Freund, und empfehlen Sie mich dem Herrn Langemack, dem Herrn Dennstädt und seiner Frau Liebste.

Ich denke mit Entzücken an die vergnügten Abende, die wir mit einander zugebracht. Wollen Sie mir bald wieder schreiben? Thun Sie es ja!

Ich bin
Dero
ergebenster Freund,
Lessing.

*

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