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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 49
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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47. Johann Müller an Gleim

Göttingen den 25. August 71.

Edelster und vortrefflichster Freund! Seit Jahren habe ich Ihre Lieder gelesen und den Sänger geliebt. Aber die Empfindungen, mit welchen ich sie nun lese, und an Gleim denke, seitdem ich ihn umarmt habe, sind weit von den vorigen unterschieden, sind nicht dieselbigen, die ich fühle, wenn ich meinen Horaz, meinen Anakreon lese und liebe. Verehrungswürdiger Dichter der Zärtlichkeit und der Freundschaft! Sie selbst, Ihre süßen Worte, Ihre Freundschaftsversicherungen – haben Ihnen diesen Brief zugezogen, haben gemacht, daß ich, gegen alle angenommenen Regeln, Sie sogar schon meinen Freund zu nennen wage. Ich habe mich gegen jede Bedenklichkeit, die ich mir hätte machen können, abgehärtet, und mir vorgenommen, nicht zu ruhn, bis Gleim und Jacobi die Dankbarkeit eines Jünglings vernehmen, in dem durch Sie so viele Gefühle sanfter Tugend und menschenfreundlicher Gesinnung geweckt worden sind, und der so mit denselben familiarisiert worden ist, daß er mit Zuversicht hoffen darf, ihnen nicht nachzustehen. Nicht wahr, meine Dreistigkeit läßt sich entschuldigen? bei Ihnen wenigstens, theurer Freund! Ihr Herz spricht für mich, und ich appelliere, vom Richterstuhle der Mode und affektierter Höflichkeit, an Ihr Herz.

Womit kann ich in meinem Leben Ihnen dienen?

In einem Briefe, der verloren seyn muß, beschwor ich einst Jacobi bey allen Grazien, mir dies zu sagen. Erfahre ich's nicht, so kann ich Ihre Freundschaft unmöglich verdienen, und es wäre mir unausstehlich, mit einem der edelsten Charaktere nicht Freundschaft zu halten.

Einen guten ehrlichen Mann nach altem Schrot und Korne – den schätze ich, nenne ich auch wohl Freund: aber zum vertrauten Freund macht das allein nicht. Soll er es werden, so muß er Einsicht und Größe des Geistes besitzen, durch die er sich vom vornehmen und geringen Pöbel scheidet. Wie elend ist das Leben ohne einen Theilnehmer der Geheimnisse des Herzens. Mir ist Freundschaft das Gewürz der Freuden, die einzige Medicin meines Schmerzes bey verdrießlichen Tagen.

Sollte Gleim mich lieben – das würde mich beruhigen; dann sublimi feriam sidera vertice! dann dächte ich an Sie, wenn mich ein Ketzermacher schreckt, und lachte!

Ich schreibe die Geschichte Helvetiens zur englischen Welthistorie. In wenigen Wochen kommt ein kleines lateinisches Buch heraus von einem Verfasser, der ganz Ihr eigener ist.

Lieben Sie mich, wie ich Sie liebe.

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