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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 48
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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46. Klopstock an Schmidt

Friedensburg, den 20. Juli 1751.

Was werden Sie noch Alles mit Ihrem Klopstock anfangen, mein Schmidt? Wie lange ist es schon, wie sehr lange, daß ich mit den äußersten Schmerzen auf Briefe von Ihnen warte und keine bekomme? – Fragen Sie doch Ihr Herz mit lauter Stimme, ob Sie mich noch lieben, und wenn es Ihnen möglich ist, (wenn Ihnen das möglich ist,) mich nicht mehr zu lieben, warum sollten Sie sich alsdann nicht entschließen wollen, mir es zu sagen, da mein Herz allezeit gegen Sie sehr offen gewesen ist? Ich ziehe mich beständig von allem Vergnügen zurück, das mir zulächelt, und das mich glücklich machen könnte, wenn ich Ihre Schwester und Sie niemals gekannt und geliebt hätte; ich schleiche mich in die Einsamkeit und lese, oder vielmehr ich denke (denn das ist das rechte Wort) im Aoung, arbeite am Weltgerichte und schreibe Ihre und meine Briefe, die Sie mir einmal zurückgegeben, in ein Buch, damit ich dasjenige auf einem Schauplatz versammle, woran mein Herz hängt. Ach! damals liebte mich mein Schmidt noch, da er mir diese theuern Briefe schrieb! Damals, da Sie mir einmal, als ich krank war, schrieben (wissen Sie auch noch, daß Sie mir dies geschrieben haben?).

»Ich sagte einst zu Kühnert, daß, wenn Sie sich jemals für unglücklich halten würden, ich Ihr Antlitz nicht würde ertragen können; und daß Ihr Unglück, aller Ueberzeugung meiner Unschuld ungeachtet, mir der unaushaltbarste Vorwurf seyn würde. Kühnert könnte sich nicht darein finden, wie ich mir alsdann, ohne daß Sie es thaten, einen Vorwurf machen könnte? – Mein Gott! wie wenig können doch die Leute begreifen? – Ich antworte ganz kurz: es sey auch nur für gewisse Leute ein Vorwurf!« –

Lösen Sie mir, ich bitte Sie um Alles, lösen Sie mir das größte Räthsel auf, warum ich das ganze halbe Jahr, da ich in der Schweiz war, keinen Brief von Ihnen bekommen habe? – Sagen Sie mir wenigstens nur etwas darüber; ich vertiefe mich sonst zu sehr in diesem Labyrinthe. Ach! wer mich so liebt, daß er mich ein ganzes halbes Jahr, da ich ihm so oft schreibe, nach Briefen schmachten läßt, der (soll ich das große Wort sagen?) der liebt mich nicht! – – Nur eine Zeile von Ihnen, nur eine Zeile vor den letzten Tagen meiner Abreise von Zürich, hätte mir Flügel gegeben, zu Ihnen zu fliegen. Würde ich Sie vorbeigegangen seyn, wenn ich nicht den traurigsten von allen Gedanken: »Sie liebten mich nicht mehr!« bei mir herumgetragen hätte?

O, wenn Sie wüßten, was ich empfunden hätte, da ich mich Erfurt näherte! – Ich getraute mich nicht einmal, Erfurt, ob es gleich der ordentliche Weg war, zu sehen, weil ich da die Oerter vorbei mußte, wo ich mehere Male mit Ihrer Schwester gewesen war. Ich bestach den Postmeister, mich wider die vorgeschriebene Regel sechs Meilen auf Weimar zu führen. – Und es war dunkele Mitternacht, als ich eilte, so weit als ich konnte, von Ihnen zu fliehen. – Wenn Sie mich noch anklagen, daß ich nicht zu Ihnen gekommen bin, so tun Sie es gewiß, um Zeit zu gewinnen, sich selbst zu entkommen, und weil Sie sich nicht zutrauen, Ihr Herz zu fragen: warum Sie mir nicht geschrieben haben? – Dies war zwar nun vorbei, als Sie an Gleim und mich schrieben; aber es war doch nun einmal geschehen. Ich vergaß Alles, ich weinte Ihnen schon entgegen, ich freute mich, wie ein unschuldiges Kind, Sie wieder zu sehen; als schlechterdings nothwendige Ursachen hervortraten, und mich zwangen, zu reisen. Wer hat mehr dabei gelitten, als ich? – Was soll ich sagen, mein Schmidt? – Ich glaube wohl, Sie lieben mich noch, aber nicht immer. Nur zuweilen, wenn Sie daran denken, daß Sie kein Mensch auf der Welt mehr liebt, als Klopstock! – Ich, mein Schmidt! werde nicht aufhören, Sie zu lieben. Ich werde mir immer gleich seyn. Ich werde der mächtigen Stimme der Natur in mir gehorchen. O heilige Stimme! ja ich höre deinen sanften Ton! – und ich werde ihn immer hören, und den großen Weg vor mir auch einsam vollenden.

Ja, ich bin es noch, ich bin es noch ganz, der sich sonst mit Entzücken Ihr Freund, Ihr Klopstock nannte. –

Vielleicht fasse ich vor dem Abgange der Post mir noch das Herz, an Ihre Schwester zu schreiben.

*

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