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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 47
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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45. Klopstock, Gleim und I. C. Schmidt an Schlegel

Halberstadt den 12. Juni 1750.

Mein liebster Schlegel,

Sie dürfen nicht denken, daß Sie und Cramer itzt allein glücklich sind. Ich bin itzt bei Gleimen und Schmidten, und wir nehmen es mit ihnen im Vergnügen auf. Das aber ist ein großer Theil unsers Glücks, daß wir zusammen an Sie schreiben. Ich habe Sie recht sehr lieb. Ich würde es Ihnen weitläuftiger sagen, wenn ich nicht den andern beiden Herrn auch was überlassen müßte.

Ihr
Klopstock.

Mein liebster Herr Schlegel,

Was wäre das für ein Mensch, der Sie kennte, und nicht liebte? Ich seegne den Tag, der Sie mir in Leipzig gegeben hat. Was für ein glückseeliger Tag! Er hat gemacht, daß ich die Freunde, die ich bisher nur geehrt hatte, nun auch lieben darf. Er ist Schuld, daß ich Klopstock und Schmidt bei mir sehe. Ach, wenn sie doch immer bei mir seyn könnten! Wenn Cramer und Schlegel doch auch bey uns wären, Cramer als Bischof des Landes, und Schlegel nur als Domherr. Ich wäre dann ihr Secretair und Schmidt sollte unser Choral seyn. Denn er kann doch gar zu gut singen. Er wollte wohl lieber Probst im Kloster seyn. Aber dazu schickt er sich nicht gut; denn kann er wohl so gut küssen, als singen?

Ihr
Gleim.

Mein lieber Herr Schlegel.

Ich bin auf Gleimen beinahe unwillig, daß er mich durch seine Beschuldigung, daß ich nicht gut küssen könnte, verhindert, Ihnen weitläuftig zu schreiben, wie lieb ich Sie habe. Er hat mich recht in Hitze gebracht. Mir so an die Seele zu greifen! Mir, an dessen Lippen und Talente zum Küssen die Götter mehr Kunst verschwendet, als an der ganzen Schöpfung der Pandora: mir, gegen dessen Ruhm im Küssen gerechnet Gleim, Klopstock, und alle Welt nichts als ein ignobile vulgus ist, mir, an dessen Grabe Enkel und Enklinnen einst klagen werden: »ach! daß der Jüngling starb«. Weil ich mit allen ihren Müttern Mittleid gehabt, und sie alle küßte. Habe ich nun Gleimen genug wiederlegt? mein lieber Herr Schlegel, lassen Sie mich ja nicht einmahl Ihr Mädchen küssen, denn sie wird nachher haben wollen, daß Sie mir es nachthun sollen.

Schmidt.

Mein liebster Schlegel,

Das wußte ich wohl, daß Schmidt mich wiederlegen würde. Aber wer weiß nicht, daß die die kleinsten Helden sind, die sich ihres Muths und ihrer Siege am meisten rühmen?

Gleim.

Mein liebster Schlegel,

Man kann mit hoher Mine herabsehen, wenn sich die Herren den Vorzug in der Kunst zu küssen streitig machen. – Sie wissen nichts rechts von der Seele, die auf die Lippen heraufsteigt. Sie kennen nur verschiedene Wendungen der Lippen, und ein bischen da herum schwärmende mechanische Freude. Dann bringen Sie das Ding in ein Minnelied, und brüsten sich hoch her. Sie wissen nicht, was es sey,

Ein Kuß, der jedes Ach der Seele hörbar macht.

Doch will ich Ihnen, wenn Sie mich recht sehr darum bitten, diese hohen Geheimnisse aufklären.

Klopstock.

Klopstock, der sich groß geträumet
Küsset langsam, wie er reimet
Unter lauter Ach und Weh.
Gleim, der möchte wohl noch gehen
Denn er küßt, ich habs gesehen,
Wie er reimt, ex tempore.

NB. durch Messiaden, und manche andere in der Liebe unpracticable Empfindungen und Gedichte.

NB. Klopstock wollte auch Verse machen, konnte aber keinen Reim finden. Seine Liebchen werden nun wohl ungeküßt ins Grab kommen, und wenn er einst in jungfräulicher Unschuld von den Todten erwachen soll, so brauchen seine Lippen keine Veränderung, denn es ist nichts so jungfräulich als diese jetzo sind. Ich glaube, es erspart das Küssen bis dahin, aber

Post haec occasio calva.

Schmidt.

Ob mich gleich Klopstock mit Schmidt in eine Brühe geworfen hat, welches mir billig recht sehr verdrießen sollte, so ärgert es mich doch, daß Schmidt mit den erhabensten Sachen, die über seine Empfindung, wie über seinen Begriff sind, so umgeht, und ist mir gar nicht schmeichelhaft, daß er mir den Vorzug im Küssen überläßt. Aber alles zu travestiren, das ist sein ein und sein alles. Durch ihn werden Engel Teufel, und Teufel Engel. Würde er wohl noch der witzige Schmidt seyn, wenn er nicht mehr travestirte?

Gleim.

*

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