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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 45
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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43. Friedrich Gottlieb Klopstock an J. A. Cramer

Langensalz den Donnerstag nach Mar. Heims. 1748.

Mein liebster Cramer.

Ich lebe hier nach den Grundsätzen des alten Horaz, und eines gewissen jungen Schriftstellers, den Sie wohl kennen. Diese Herren sind nicht allzu grosse Feinde von einer Gemächlichkeit, die mir so natürlich ist, und die mir die süße Sünde erlaubt, selbst an meine Freunde seltner zu schreiben. Sie sehen wohl, was ich hier alles noch sagen könnte, wenn es mir nicht zu arbeitsam vorkäme mich zu entschuldigen. Ach ich führe ein recht herrliches Leben! An dem Messias itzo zu arbeiten, das war ein köstlicher Gedanke! Ich danke. Eine Leserinn des Jünglings und des Messias, und aller Schriften die Hannchen hätte schreiben können, und Ebert schreiben wird, hat mir befohlen aus den Liedern der Nachtigallen zu übersetzen. Sonst zu stolz zum Ubersetzen werde ich künftig wohl nichts thun als übersetzen. Der Frühling ist vorbey, nun übersetze ich Ihre Minen. Einen Abend, da sich keine übersetzungswürdige Nachtigall hören lies, oder wie ichs damals ausdrückte:

Tief in die Dämmrung hin sah er (mein Blick) und suchte dich
Seiner Zähren Gesellin auf,
Dich, des nächtlichen Hains Sängerinn, Nachtigall,
Doch du sangest mir itzo nicht.
Dein mitweinender Laut, Dein melancholisch Ach,
Auch der schwache Trost fehlt mir.

An diesem Abend machte ich ein Lied, worinn auch dieses steht. Die Verbindung mögen Sie errathen, was geht mich das an.

Hast Du mich weinen gesehn, o Du Unsterblicher,
Der mitleidig mein Auge schloß,
O so sammle sie ein, sammle die heiligen
Thränen in goldener Schale ein,
Bring' sie. Himmlischer, dann zu den Unsterblichen,
Denen ein zärtliches Hertz auch schlug.
Zu der göttlichen Rowe oder zur Radickin,
Die im Frühlinge sanft entschlief.

Vielleicht argwöhnen Sie aus dem, was ich bisher an Sie geschrieben, daß ich itzt ganz vergnügt und ruhig seyn müsse. Nein, mein liebster Cramer, das bin ich gar nicht. Wenn ich auch die Empfindung Ihrer und der andern Cramers Abwesenheit abrechne: so bin ich doch so traurig, wie Orpheus, da er, die Leyer in der Hand zur Hölle ging, die Euridice herauf zu singen. Oder so traurig, wie Sie waren, da Hannchen noch keinen ihrer liebenswürdigen Briefe an Sie geschrieben hatte, und da Sie noch nicht, wie im Cato steht, sagen konnten: Wie ist mir! Ich sehe lauter elysäische Felder um mich! Schicken Sie mir doch einige von Giesekens und Schlegels letzten Briefen. Man liest doch gern in den Papieren seiner verstorbenen Freunde. Schicken Sic mir auch einige übersetzte Stellen aus den Nachtgedanken. Ich bitte bey der zärtlichen Thräne, die ein Frauenzimmer dabey vergießen wird, von der ein Poet gesagt hat:

Aber süßere Ruh deckte mit Fittigen
Ihres friedsamen Schlummers sie
Und ihr göttliches Herz, weit über meins erhöht,
Hub gelinder die heil'ge Brust.

Auch bey der Freude bitte ich Sie, die ich bey diesen Thränen empfinden werde. Darf ich Sie um noch etwas bitten? Und wird diese Einleitung zur Erhörung meiner Bitte etwas beytragen, wenn ich sage, ich will so heilig damit umgehen, wie Sie? Darf ich Sie um ein paar Briefe von der s. Hannchen bitten, werden Sie nur nicht böse.

Ich habe auch eine Ode nach diesem Sylbenmaasse gemacht:

Audiuere, Lice, Dî mea vota Dî.

Hier ist eine Strophe:

Sprich, wie heißet der Trieb, der Dir Dein Herz bewegt?
Heißt er, bestes Geschenk von den Olympiern?
Heißt er, göttliche Tugend?
Oder, Glück des Elysium?

Nehmen Sie mir nicht übel, daß mein Brief so unordentlich ist. Grüßen Sie alle unsre Freunde, todte und lebendige; aber Gellerten nicht. Ich bin Ihr Freund

F. G. Klopstock.

*

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