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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 37
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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35. Salomon Geßner an I. G. Schultheß

Zürich, den 19. May 1752.

Hörst Du, ich werde gantz ein andrer Mensch, ich schreibe gantze Bogen über, nicht nur, weil dies das einzige Mittel ist, von dir Antworten zu erhalten, nein, sondern ich bin noch recht froh dabey. Ja, ja! ich lebe noch recht sehr, und daran hast du gezweifelt. O wäre ich tod gewesen, ich hätte ganz gewiß bei dir gespukt, ja, das hätt ich gethan, aber nicht forchterlich, zuweilen hättest du nur rauschen gehört wie Küsse, oder wie man Gläser anschlägt, oder ich wäre dir mit Glanz umschwommen erschienen, wie die Fliege da, die eben in mein volles Glas sinkt, darein die Sonne scheint, von Glanz umschwommen ist. Doch nein ich sterbe sobald noch nicht, ich sehe schon, ich muß noch manche wunderliche Rolle spielen, ich muß noch gegen ein paar Mädgen mit vielem vielem Geld ohne die geringste Zärtlichkeit verliebt thun, und zum Glück nicht erhört werden, dann muß ich noch mehr Mädgen, die beym ersten Kuß brännen, entzünden und brannen lassen, dann manch braves Mädgen, das mir noch so gefallen würde, fliehn, sobald es anfängt bey meinem Kuß zu seufzen und dann, was mehr, mich fangen lassen, und ein Weib nehmen, und dann – dann sterben.

Allein, sieh doch, es geht uns doch wunderlich, in unsern Liebesgeschichten, wie manch Mädgen hat dir schon Hoffnung in Herze gelächelt, und sie dann wieder herausgetonnert, doch nein, nicht herausgetonnert, das ist uns kein Tonner; wir geübten Leuthe, wir lachen darzu; mir wars, wie wenn ich ein übelgerathenes Gemähld angefangen hätte, wo ich, eh es halb ausgemahlt ist, zweifelhaft bin, ob ichs wieder ausstreichen will, dann kommt einer, und thut mir den Possen und streicht mirs aus, er erspart mir die Mühe es selbst zu thun.

So ists dir auch, nicht wahr? Nun willt du es schon wieder wagen, ich nicht, nun schwerm ich wieder, heut verwundet mich ein blaues Aug tödlich, morgen vergeß ichs bey einem braunen. Die Comedie mit der Kleinen, ha nun weiß ichs schon, ich lieb sie nicht, ich bin ihr nur so gut, ich lieb sie, wie alle Mädgen, die Wiz haben, und noch ein bisgen mehr, ich soll dein Andenken da nicht untergehn lassen, wer weiß wozu mir dieß noch dient, sagst du – bald merk ich was, ja, ja, deine grausame Schöne, du wilt dich wieder gefangen geben, ich dachte, du nagtest an den Striken wer weiß wie, aber nein, nein, du kriechest wieder zurück, um dir noch einmal sagen zu lassen, daß sie dich nicht lieben kann; ha, schäm dich, geh, sie hat jetzt nicht Zeit zu naren, Füßli zappelt jetzt in ihrem Spinn Geweb; sie ist wie ein boßhaftes Kind, das zum unbarmherzigen Spaß Schmetterlinge fängt, mit ihnen spielt und tändelt, und ihnen dann die Flügel lähmt, sie vor die Füße schmeißt und lachet, sie sehen wohl Rosen und Nelken und können nicht hinfliegen, und bleiben vor seinen Füßen liegen: Wilt du ihr den Stolz noch lassen, daß deine Liebe unheilbar sey, ob sie dir schon deutsch in den Bart gesagt hat, daß sie dich nicht lieben kann; wie schmeichelhaft ist dies vor ein solch Mädgen, wann es denkt, einer Weiser, ein Philosof, der sich aus allen andern Leidenschaften emporzuschwingen weiß, der das Glück und Unglück dieser Welt von oben herunter ansieht, der wie ein Felß steht, wann alles um ihn her zittert, der große Weise ist ein Ding, mit dem ich so spiele, ein guter Blick von mir ist ihm ein Himmelreich, dann thu ich böße, dann verzweifelt er, und dies zu sehn, ist kein geringer Zeitvertreib, so denkt das Mädgen.

Leb wohl. Ich bin dein Freund
S. Geßner.

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