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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 36
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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34. Klamer Schmidt an Gleim

Langensalze, Mitte Januar 1751.

Mein liebster, mein bester Gleim!

Ich will mich des Augenblicks bemächtigen, in dem meine Seele, worin seit Ihren letzten Nachrichten, Alles Anarchie und Aufruhr war, wieder stille geworden ist, ich will ihn dazu anwenden, Ihnen einen Theil der Freude zu erzählen (wie könnte ich Ihnen Alles sagen!) womit mich Ihre sorgfältige, Ihre zuvorkommende Zärtlichkeit erfüllt. Jetzt eben hab' ich Ihren Brief bekommen. – –

Was für Namen werde ich noch für Sie erfinden müssen, Sie damit zu nennen? Was für Namen, die, nach dem Maße meiner Empfindungen, nicht zu wenig sagen? O wie arm bin ich doch an Ausdrücken! Ich, der ich mir bei meinem Mädchen der beredteste unter allen Menschen zu seyn schien, und der ich mir eine ganz neue Sprache geschaffen hatte, ihr Namen der Zärtlichkeit zu geben! Mit was für Liebe werde ich Sie doch für alle die Ihrige belohnen, Sie, mein Gleim, der Sie meinem Herzen in seiner Entzückung nur nennbar sind? Ja, kennte ich einen einzigen Gedanken, eine einzige Kraft in meiner Seele, die nicht mit voller Bemühung, mich Ihrer Werth zu machen strebte, so würde ich diese meine Seele und mich selbst hassen. Ich will es auf die Gefahr, Klopstock's alten Rechten auf mein Herz zu nahe zu treten, loswagen, und Ihnen, mit eben der Ehrlichkeit, mit der Sie Ihren Kleist noch lieber als mich, zu haben gestehn, auch bekennen, daß Sie mir eben so Werth und so theuer sind, als mein liebster Klopstock. Meine Liebe zu Ihnen ist eine rechte Begeisterung, und ich fühle durch sie, wie durch eine neue Schöpfung, die allererhabensten Empfindungen in mir entstehen, deren Größe mir selbst eine Art von Ehrfurcht für mich beibringt.

Totum, quod placeo, si placeo, tuum est,
Hor.

Wie soll ich Ihnen aber meine Freude über die zärtliche Zuneigung Ihres Herzens zu mir beschreiben? Ist wohl das Wort: Freude hinlänglich? oder soll ich es die feurigste Dankbarkeit nennen? – – Entzücken würd' ich es nennen, wenn das Wort Entzücken fähig wäre, eine lange Dauer mit in sich zu fassen.

Ich blick' umher und Alles ist schön um mich.
So wie des Morgens östliche Jugend schön;
Mein Herz, das nie was Größ'res fühlte.
Ruhet darauf! wird es fühlen ewig!

Sieh' diese Wollust, diese Entzückungen
Empfand mein Mädchen, als sie zum ersten Mal
Der Liebe wich, schamlos ihr Antlitz
Sanfter sich neigt' an meinen Busen.

Ihr ganzes Leben neigte sich da zu mir! – –

Ich empfinde Kleist's Schmerz über den Tod seines Freundes, so sehr, wie Sie, mein lieber Gleim, und das um desto mehr, je weniger meine Seele zu solchen traurigen Vorstellungen gewöhnt ist. O, trösten Sie ihn, mein lieber Gleim, wenden Sie alle die feurige Beredsamkeit an, die Ihnen Ihre zärtliche Besorgniß um ihn geben wird. Es ist eine ganz andere Sache um die Sprache eines wahren gerührten Herzens, als um den Effect eines Dichters, wenn er auch, wie Klopstock, sich den Tod aller seiner Freunde in einer Ode vorstellen sollte. –

Ihre Beschuldigung meiner Unbeständigkeit in der Liebe thut mir sehr Unrecht, denn ich bin weit mehr zärtlich, als verliebt.

Ich bin mit dem Briefe des Mädchens an sie gar nicht zufrieden, besonders gefällt mir die Versicherung gar nicht, daß sie, wenn sie noch frei wäre, es nicht mehr seyn würde, seitdem sie Sie gesehen hätte. Das Mädchen muß mich für wenig eifersüchtig halten; und niemals soll Ihnen ein Mädchen, das mich liebt, so etwas sagen dürfen, so sehr Sie auch Gleim sind.

Sie sehen, mein lieber Gleim, wie sehr ich mir Ihre Versicherung, daß ich nicht zu oft, noch zu viel mit Ihnen schwatzen kann, zu Nutze gemacht habe. Ich verspreche Ihnen aber, daß meine Briefe in's Künftige eben die lachende Miene wieder haben sollen, die dem letzten gefehlt hat. Nur müssen Sie mir erlauben, daß ich scherzen, lachen, plaudern darf, so viel ich will: i. e. daß Sie mir es nicht übel nehmen, wenn ich hier und da etwas Unnützes sage, um etwas Gutes sagen zu können. Besonders dürfen Sie nicht denken, daß ich etwas zu sagen fähig sey, das Sie beleidigen könnte; denn ich bin so fromm, wie ein Lamm.

*

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