Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Verschiedene Autoren >

Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 346
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
Schließen

Navigation:

344. Ludwig Anzengruber an Franz Lipka

Wr. Neustadt, 29. November 1860.

Teuerster Freund!

Groll ist ein Ochse, wie so ziemlich alle Theaterdirektoren. Was mein Im guten Angedenken stehen betrifft, so ist's gewiß nicht bei ihm. Bei wem denn, das frag ich', he? Denn kennen möcht' ich die, die freundlich meiner denken.

Glaubst Du etwa, ich führe hier in der Neustadt ein Götterleben? – O nein, mein Wertester, ich sage Dir, seit meinem zweimonatlichem Hiersein habe ich die Neustadt in Grund und Boden verflucht samt ihrem Theater, – ich weiß nicht, habe ich Dir schon geschrieben, vom 10. bis 14. d. M. war Rott auf Gastspiel bei uns, spielte seine Forcerollen, den Thomas im »Teufel im Herzen«, den Zigeuner im gleichnamigen Stücke, excellent, sage ich Dir, glaubst Du, er habe den Lohn erhalten, den er sich verdient? – Eine Woche darauf kommt ein Violoncellkratzer namens Lasner mit einem Mensch vom Kärtnerthortheater Frl. M. – die verarbeitet die »Nandl« im »Versprechen hinterm Herd«, die »Picarde« im »Kurmärker und die Picarde«, ferner die Hauptrolle in dem einaktigen »Am Klavier«, und diese beiden werden mehr beklatscht, herausgerufen, besser besucht und demnach mehr bezahlt als Hr. Rott – O, so ein Schweinspublikum!

Ich habe noch immer S–rollen, noch immer Statiererei, obwohl ich meinen Kollegen manches vorthun könnte, – die Regie ist niederträchtig, wird abwechselnd von beiden Direktoren geleitet. O H... Direktion!

Teurer ist's fast zu leben wie in Wien, ungesellig ist's, beleuchtet – o – gepflastert – u – scheußlich durch und durch – O miserables Saunest! O Wien, Wien, Wien! –

Ja, mein teuerster Hirsch, ich sehne mich nach Wien aus mehr denn 10 Gründen.

Apropos 10! – Wenn die Direktion etwa noch d. M. einem Mitglied? kündigt, so hat sie im Laufe der zwei Monate, die wir spielen, wirklich schon zehn Mitgliedern gekündigt.

Auch wir haben »Käthchen von Heilbronn« gehabt, und damit Du Dir einen Begriff von unserem Arrangement in manchen und vielen Dingen machen kannst, zeichne ich Dir die Brückendekoration.

Als Käthchen aus der Thür I tritt und 'nüber zum Turm will, stürzt, als sie am Pfeiler b anlangt, der Teil c der Brücke ein, wie sie sich wendet und zurück will, bricht auch der Teil a ein und sie bleibt auf dem unbeweglichen Pfeiler b stehen – der Cherub schwebt herab – und der Vorhang thut desgleichen. –

Gestern war so par Exempel die Einnahme unseres Heldenspielers Hr. Schaper, was nahm er ein? – Was glaubst Du? – Nun dreißig und vier Gulden, sage 34 fl. d. W. – Hahaha – ich bin froh, daß ich kein' Einnahm' hab! – ... Wundert Dich etwa mein guter Humor, nun so weit sollst Du mich schon kennen, daß dieses kein Zeichen des Wohlergehens bei mir ist, ausgelassen sein kann ich trotz allem.

Also mach' auch Du Deine Lazzi in dem ernsten Stück des Lebens; der wahre Ruhm ist, ernst bei den heiteren und lustig bei den traurigen Situationen zu sein, und diese Uebung seiner Geistesgegenwart ist dessen würdig, der ein Schauspieler werden will – so – Amen! – ... Also lebe wohl, es grüßt Dich und alle samt seiner lieben Mutter Dein getreuer Freund

Lud. Anzengruber,
sprechend wie Montezuma: »Lieg' ich denn
auf Rosen?«

*

 << Kapitel 345  Kapitel 347 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.