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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 34
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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32. Gleim an Kleist

Mein liebster Freund,

Ich will Sie mit meinen Briefen ermüden; Sie sollen wünschen, daß die Posten möchten abgeschafft werden; ich will Ihnen so oft schreiben, als ich kann, wenn Sie mir gleich gar nicht antworten. Was hätte ich für Vergnügen auf der Welt, wenn ich mir Ihre Liebe und Freundschaft nicht auf alle Art und Weise zu Nutze zu machen suchte? Ich sähe gestern den schönsten Himmel, ich war in dem angenehmsten Schatten, aus welchem ich die Breite der Spree und einen guten Theil ihrer Länge übersehen konnte; da wollte ich mein Gemüth in die Ruhe setzen, in welcher sich die ganze Gegend befand; aber die ganze stille Natur mit aller der Schönheit, die sie als für mich allein aufstellete, war nicht vermögend, mich zu beruhigen. Sie gab mir vielmehr Gründe zu größerer Unzufriedenheit; ich beklagte mich, daß die schönste Zeit meines Lebens, meine Jugend, die voll schöner, heiterer Tage, voller Frühling sein sollte, unter Verdruß und Sorgen verschwinde, und daß sie dem ernsthafteren Alter, das mit starken Schritten herannahe, bald werde Platz machen müssen, ohne daß ein Blick in die Zukunft, insoweit sie das Irdische begrenzt, heitere Tage, Glück und Zufriedenheit entdecke, nachdem das Schicksal meine Hoffnung, wenn noch welche übrig ist, so oft betrogen habe. So machte der helle schöne Tag es in meinem Gemüthe nur finsterer; aber sobald ich Sie, werthester Freund, sobald Ihre Freundschaft meine Gedanken einnahm, welche Zufriedenheit, welche Ruhe, welche Stille der Seele war sogleich da! Mein Gemüth war plötzlich ruhiger als die Luft und mein Geist heiterer als der Tag. Wie glücklich macht der Besitz eines solchen Freundes! Welcher Schatz, welch Glück wäre würdig, ihn dagegen zu vertauschen! O, wie schön ist die Welt! Welch ein schönes blaues Gewölbe! Welch ein angenehmer Schatten, welch ein kräftiger Geruch der bunten Wiese! Wie still rauscht das Gewässer vorüber! So machte mich die Vorstellung von Ihrer Freundschaft fähig, die schöne Natur zu empfinden.

Ich will Ihnen nun die Ode herschreiben, mit welcher ich jüngst meine unzeitigen Wünsche bestraft habe.

»Ich sahe Königshäuser etc.«

Dies ist alles, was ich gemacht habe, seitdem ich willens worden, ernsthafte Lieder zu singen. Ich will Ihnen nichts verrathen, daß ich weiß, woran Sie arbeiten und wie weit Sie schon damit gekommen sind. Sie sollen mich unvermuthet mit dem Werk einer neuen Weise erfreuen; ich will Geduld haben, ich will so viel haben als mit dem Glück. Ich bin

Ihr
beständiger
Gleim.

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