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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 329
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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327. David Friedrich Krauß an Rapp

Stuttgart, den 3. Februar 1839.

Eigentlich hasse ich Erörterungen zwischen Freunden. Man ist selten in ihnen wahr und selten machen sie die Sache klarer. Doch giebt es Fälle, wo sie nicht zu umgehen sind. Wenn eine Brunnenröhre sich verstopft hat, muß man sie aufgraben und wenn man noch so ungern im Schlamm wühlt. So aber steht es mit unserer Correspondenz, unserem gegenseitigen Verständnis – unserer Freundschaft sage ich nicht, denn die steht über allem zeitlichen Wechsel. Ich habe mich Dir in letzter Zeit schwach gezeigt. Eigentlich kanntest Du mich immer so, warst in Tübingen schon der Vertraute dieser Seite an mir; aber damals hatte dies ein starkes Gegengewicht an meiner wissenschaftlichen Thätigkeit so daß sie mein Wesen als solches nicht in's Schwanken brachte. Ich darf sagen, daß Du mich in dieser Zeit achtetest und daß ich diese Achtung verdiente. Wie ich in derselben Zeit von Deinem Wesen angezogen wurde, Dich auf Gebieten bewunderte, die mir verschlossen waren, Deine eigenthümliche und in sich vollendete Natur glücklich pries, weißt Du. Du machtest seitdem verschiedene Kämpfe und Umwandlungen durch und machtest mich fortwährend zu Deinem Vertrauten. Auch diese Zustände störten meine Freude an Dir und mein Vertrauen auf Deine schöne Natur nicht, welche sie mich vielmehr von neuen Seiten kennen lehrten. Eine ernste Zuspräche von meiner Seite brachte Dir das auch von Außen entgegen, was Du Dir längst selbst gesagt hattest

Kurz nachher ereignete es sich, daß in meiner wissenschaftlichen Thätigkeit eine Periode der Erschöpfung eintrat, welche sich alsbald das Gemüth zu Nutze machte und gleichfalls rebellisch wurde, so daß nun eine Zeit des Unglücks für mich eintrat, wie ich sie, obgleich an inneres Leiden in allen Maaßen gewöhnt, doch noch nicht erlebt hatte. Ich machte Dich gleichfalls zum Vertrauten – und da bist Du ja selbst geständig, daß ich mich zu beklagen hatte. Statt ernsten Theil an mir zu nehmen, verhöhntest Du mich; da ich keine wissenschaftliche Thätigkeit mehr äußerte, glaubtest Du keinen Grund ferner zu haben, mich zu achten – und jetzt bist Du sogar gegen die Art überhaupt, wie ich wissenschaftlich auf Dich gewirkt, als gegen eine solche argwöhnisch, die zum Hochmuth und zur Irreligiosität verführe. – Was bleibt mir bei dieser Wendung übrig, daß ich Dir zu sagen hätte? Nur eines will ich noch berühren, was Du in Deinem letzten Briefe schriebst. Du erwähnst eine Correspondenz mit Deiner liebenswürdigen Schwägerin, worin Du dir von ihr Deine Fehler,namentlichHochmnth vorhalten läßest. Ich urtheile: Dir wird dieser Briefwechsel den Hochmuth nicht nehmen und ihr wird er einen geben. Das brauchen die Weiber unserer Zeit vollends, daß die Männer sie zu Kritikerinnen über sich machen. Sie bringen uns schon ohnedies durch ihr reflektirtes Wesen zur Verzweiflung und geben uns vermehrten Durst, statt frischen Wassers. Und dieses Brüten (der Männer) über sich selbst macht auch die Männer nur untüchtig und führt sie dem Pietismus und was sonst noch in die Arme.

Thue übrigens was Du willst; nur so lange Du der Wissenschaft und mir in der Wissenschaft mißtraust, sprich mir nicht davon, daß ich Dich ergänzen soll.

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