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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 327
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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325. Adalbert Stifter an Sigmund Freiherr v. Handel

Wien, am 17. Juni 1836.

Ganz elend ist es ohnehin, daß ich so unerhört lange nicht antwortete, suche aber die Ursache in allen möglichen physischen, geistigen Verhältnissen, Lumpereien, Lastern, und in Allem, was Du willst, nur in keinem Mangel an Liebe zu Dir. So eigentlich ist die Sache. Jedem Fremden schreibe ich schnell und gleich und wenig, jeden Freund vernachlässige ich, denn mit dem will ich am Papier wohnen, essen, schlafen, spazieren gehen, – – kurz, recht zu Hause sein – ihn lieben und weit und breit kein Ende machen mit Plaudern. Aber allerwege ist immer keine Zeit. Man frißt sich erst nach einer halben Stunde so recht hinein und dann muß ich wieder heraus und krumme und gerade Linien dotieren und anderes derlei Zeugs, deshalb ängstet's mich, wenn ich soll zum Papiere sitzen, und nicht unabsehliche Zeit vor mir habe, um so tief hineingerathen zu können, als ich immer will, sondern immer darauf aufsehen und passen muß, daß jetzt die Uhr schlägt, und ich abschnappen muß mitten in den kordialsten Gefühlen. Daher, wenn ich oft eine Stunde oder mehr Zeit hätte, so ist's ja nicht der Mühe werth, anzufangen; denn der Herrliche in der Ferne verdiente ja halbe Tage ausgeschossen zu kriegen, und dann verpfeif' ich die Zeit und denke recht wacker an die, an die ich nicht schreibe. Seit ich aber diese Schreibfaulheitstheorie heraus habe, seitdem kehre ich auch gegen die Praxis aus derselben vor, und lege ein Blatt auf den Tisch und schreibe, als wär' es nicht wahr, daß ich in einer halben Stunde fort muß, und plötzlich fahr ich auf und davon – und im Wiedernachhausegehen fang' ich auf der Gasse schon an mentaliter weiter zu schreiben, und fahre dann im Zimmer freundlich fort. – Eben las ich Deinen Brief wieder durch und finde, daß ich doch gar zu schmählich gesündiget habe, jedoch eins ist noch, was mich entschuldigt, nämlich, daß wir einem Aufsatze über die Kunstausstellung, der in der allgemeinen Zeitung stand, antworten wollten, und deshalb ich mit Fischbach zu wiederholten Malen die Ausstellung besuchte: da diese aber bis Ende Mai dauerte, so verging gar so viel Zeit, da ich nicht früher antworten wollte, bis ich nicht auch den Aufsatz mitsenden könnte. Es wurde aus Allem nichts, weil ich trotz meinen Bemühungen auf keinen Menschen stieß, der mir jene Nummern der Allgemeinen Zeitung verschaffen konnte, worin jener mystische Aufsatz stand, der keine andre Kunst gelten ließ, als christliche katholische, nur das sei würdig, jedes andere Genremalerei – – Gauermann mit seiner Urtragödie, Fischbachs liebheiterer Ernst des Hochgebirges, ... Amerlings Unsäglichkeit – – das alles Genremaler: die Nägel könnten einem blau werden und die Haare ausfallen, und das verdammteste ist, daß der Laie, ja selbst der Künstler beirrt wird, und werden muß. Ich verdanke dem Fischbach viel, ja Alles in dieser Hinsicht. Er ging mit mir jene so gelobten, altdeutschelnden Bilder durch, und zeigte mir das Kunstwidrige daran mit wahrhaft philosophischer Schärfe.

Es ist doch verdammt, daß es jetzt 11 schlägt! Siehst Du??! 18. Juni. Dieser Tage hatte ich viel Herumlaufens, weil es doch den Anschein hat, als wollte ich Assistent für Physik und Mathematik werden, ich glaub' es aber nicht eher, als bis ich es deutlich vor mir geschrieben sehe. Uber die Kunstausstellung schreib' ich Dir in diesem Blatte nichts, weil ich Dir den Aufsatz selber schicken werde und falls er nicht fertig wird, einen eigenen Brief dazu verwenden werde.

24. Juni. Mehrere Tage sind wieder hin, ohne daß ich Dir das Schreiben fortsetzen konnte. Daß Pepi hier war, wirst Du wissen, daß ich unsägliche Streite mit ihm hatte, vielleicht nicht; denn er verachtet jedes Wissen und Philosophiren, und philosophirt doch gerne; und stellte wieder Einseitigkeiten auf, daß man aus der Haut fahren wollte – es ist so jammerschade um ein solch' herrlich Gemüth, daß es in seinen Umgebungen verrohet, und meint, ein sanfter Schmuck des Herzens sei keiner, weil er sanft ist, und die Kraft benimmt, – und dennoch wieder ist er unglaublich zart, daß mich der Teufel holt, wenn ich nicht abwechselnd gegen ihn erglühe und ergrimme. Bei seinem letzten Hiersein war er aber so liebenswürdig, daß ich mir innerlich Ziegel und Marmor zu einem recht tüchtigen Altar zusammentrug für ihn, für Dich, für Alle. Meine himmelschönen Ideale der Frauenliebe sind elend hin, das Herz, närrisch und warm, einst pochend in Überlust, und die Herrliche, Schwärmerische, Trunkene, Treue, Seraphreine, Künftige mit der namenlosesten, unsäglichsten Überschwänglichkeit lieben wollend, mußte lächerlich verpuffen zwischen Himmel und Erde, und niemand war entzückt über seine schönen Raketen, niemand wärmte sich an seinem stillern Fortbrennen, höchstens die eine oder andere Suppe wurde daran gekocht, und aller Satan. Selber alle Afterwüchse jener Wollustspoesie, zu deren Kelch ich griff, waren doch nur dumme Wülste an demselben Kaktus, an dem die wunderbare Gluthblume hätte blühen und leuchten können, das dürftige Herz vergriff sich nur am Tranke, und goß Feuer, statt Kühlung hinunter. O theurer, lieber Sigmund, ich fühle oft eine Einsamkeit, daß ich weinen möchte, wie ein Kind, wenn ich nicht nebstbei doch ein so närrischer Teufel wäre, der flucht, wenn er weich wird, und kläglich schlechte Witze macht, wenn er gerne seiner Rührung Herr werden möchte; – denk' an jenen letzten Abend unseres Beisammenseins. Wie hätte ich ein geliebtes Weib geliebt und geschmückt mit den Schönheiten, die Gott so unerhört in seiner Welt aufhäufte, und die in der Kunst wiederspiegeln, und dann hätt' ich gejubelt und zu Gott gesagt, er solle mich nur gerade todtschlagen, weil ich doch des Glückes unwerth bin, wenn ihr liebes, großes Herz aufgegangen wäre in seine Wunderblüthen, lauter Schönes, Herrliches, köstlich Liebendes in seinem Kelche tragend, das doch ich selber wieder vorgelocket habe – es muß kostbar, himmlisch sein, so ein Tuch um das andere wegzuhüllen, und nun zu erstaunen, welch' abgrundlich tiefe Schätze in dem unscheinbaren Dinge lagen, das nun seinerseits auch staunt, und dann so liebt und nichts als liebt. – – Aber dumm ist's, daß ich Dir da vorthränodire – es kommt ja immer zu nichts solchem, da ich's höchstens zu einer oder der anderen Lächerlichkeit bringe und gar keine Aussicht habe, in Zukunft glücklicher zu werden, da dieser Schoppicismus mit den Jahren zunimmt. Aber euch Alle lieb ich, wie ein toller, redlicher Schopps, in Euch find' ich den lieben Anklang, ihr stoßt euch nicht an meinen Disteln – aber eure Weiber werden's thun, und jeder wird heirathen, und ich kann's nicht hintertreiben, so gern' ich's thäte und dann liebt ihr die Frau und die Kinder und habt keine Zeit, daß wir einmal Abends recht wacker Gefühle hätten – und ein alter Esel wird man auch.

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