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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 326
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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324. Adalbert Stifter an Adolf Freiherr von Brenner

Wien, am 24. September 1854.

Hier ist meine Hand, du treuer Mensch, mit aller Liebe, deren das Herz fähig ist, ich bitte Dich herzinnig, denke der Sache nicht mehr, und lasse Deine Liebe nicht abnehmen durch mein thörichtes Betragen, das Du mir ja wohl verzeihen wirst, da es ja nur ein Vergehen des Verstandes war, der sich in albernen Hipothesen herumtrieb, – nicht aber ein Vergehen der Liebe. Du beschämst mich in Deinem Schreiben durch Deine Güte. Wie gerne ich Dir antworte, und mit welcher Liebe ich beim sonst so verhaßten Briefschreiben sitze, kannst Du daraus entnehmen, daß ich mich sogar befleiße, schön zu schreiben, eine geschnittne Feder und seines Papier habe, das ich Alles sonst nur bei meinen Geisteskindern that, in die ich verliebt bin; ferner mach' ich denn im ganzen Briefe ein tz oder ein y oder ein ph? Über Deine fehlgeschlagene Römerhoffnung weiß ich wirklich nicht, soll ich frohlocken, oder klagen – thät ich letzteres, so wär' ich weniger eigennützig (das verdammte t) – aber, offen, mein Gemüth treibt mich zu ersterem, es hüpft auf, und will jauchzen. Wir wollen die Neige unseres Beisammenseins noch recht so tief innig ausschöpfen – sonst wüßt' ich nie, wie Du mir theuer bist, da ich die Abwesenheit von Dir durch jene geliebten Augen verkläret und versüßet fand, die ich nie, nie vergessen werde – – aber heuer fühl' ich's! O, was sind alle Liebschaften und Mädchen gegen ein Männerherz, fest, treu, glühend, gut und nimmer lassend von Recht und Freund, wie Du eins trägst, wie Sigmund eins trägt, wie Pepi – und hol' mich der Teufel, wie ich! Die Liebe ist die höchste Poesie, sie ist die weinende, jauchzende, spielende Musik – die Männerfreundschaft ist die schweigsame edle klare Plastik: jene gibt einen Himmel selig und trunken (wie ihn weiters nichts gibt) – diese stellt erst die schönen, aber ruhigen Göttergestalten hinein. – Freilich, der schönste Bund ist es, wenn ein Mädchen oder eine Gattin groß genug sein kann, nicht vor dem weiten Tempel des Mannes, oder vor seiner großen Alpe zu erschrecken, sondern bewundernd und jubelnd – hineinzutreten oder hinaufzuklettern, und Alles freudenreich, als ihr verwandt, ans große Herz zu drücken, und nicht zu sinken – – – und Alles ihm, dem Glücklichen, aus der Sonne ihres Auges keck zuzuspiegeln – – – –

– – – – – Du wo ist die? – – – –

die Deine Geliebte und Dein Freund zugleich ist? die durch unsere Donnerwetter schiffet, an unsern Gletschern sich nicht spießt, an den wackern Stachelgewächsen, Cactis und Aloen sich nicht zerreißt (die doch so süß blühen werden), Alles in Allem nimmt, und versteht und vermildert wiedergibt. – Ich könnte niederknien vor der großen Seele, sie wäre größer als ein größer Mann!

Da schwärm ich nun wieder!!

Laß blühen die Blümelein und duften, so gut sie mögen. Eines war einmal doch recht süß. Ich hatte in M. Brunn einen Traum. Folgendes ist wörtlich wahr:

Ich kannte zwei schwarze Augen,
Und liebte sie gar so sehr.
Wohl hab' ich sie längst verloren,
Aber vergessen nimmermehr.

Und heut' im Traume sah ich sie wieder,
Das süße Paar, es war traurig und trüb,
Und schaute mich an so freundlich.
Als hält es mich wieder lieb.

Sie hielt mich fest an ihren Händen –
Und Geigen erschallten rings so laut –
Ihr Vater war da und Mutter und Schwester,
Und sagten so freundlich: Sie sei meine Braut.

»Du tanzest so gut, mein Lieber.«
»»Lieb Mädchen, denkst wohl zurück?««
Und leis erstanden die alten Worte,
Und schüchtern Lieben, und altes Glück.

Und Schwesterchen kam geschritten.
Und fordert mich auf zum Tanz,
Und walzte wie ehe mit mir, und sagte:
Bist doch der Alte geblieben ganz.

— — — — — —

Wohl ist der Traum entflogen,
Die Sonne scheinet klar;
Aber alle Lieb' ist aufgeglommmen,
So heiß sie einst im Herzen war.

Noch am selben Tage Abends dichtete ich hinzu

Nur einmal möcht' ich sie noch sehen,
Die nie mein Herz vergißt.
Wie sie mir einstens gut war,
Ob denn noch etwas übrig ist?

Ich sähe sie nur von ferne
Ob sie noch die Alte blieb,
Und thäte ihr nimmermehr sagen,
Wie sehr ich sie noch lieb'.

Das sind die verlangten zwei Gedichte, von denen ich nicht begreife, wie Du weißt, daß ich sie gemacht habe.

Lebe wohl.

*

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