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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 325
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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323. Freiligrath an Schücking

(Darmstadt, undatirt. Sept. 41.)

Herzenslevin! – wie glücklich hat mich Dein Brief gemacht! Dacht' ich mir's doch gleich, daß Du 's nicht so bös gemeint hattest! Als mein Brief fort war und ich Deinen noch 'mal vornahm, sah ich gleich, daß ich in Erregtheit der ersten Lektüre zu empfindlich gewesen war, und Ida hat mich von vornherein ausgelacht mit meiner Hyperverletzlichkeit. Doch nun kein Wort mehr davon! Wir wissen jetzt mehr als je, was wir einander sind – nochmals die Hand darauf, alter Kerl! Mach' nur, daß Du bald kommen kannst. Ich sehne mich ungeheuer nach Dir! Nach Deiner Gemüthlichkeit, nach Deinen Gespensteraugen, nach Deinem Second Sight, nach Deiner ganzen tiefen, innerlichen Westphalennatur. Das ist, was uns, als ein gemeinschaftliches landsmännisches Element, so fest an einander kettet! Sie thut es vielleicht um so mehr, als wir uns hauptsächlich außerhalb Westphalens erkannt und aneinander angeschlossen haben: unter den petillirenden, oberflächlichen Niederrheinmännern sind sich unsre soliden, betrachtsamen Biernaturen lieber und mehr zum Bedürfnis geworden, als es in Westphalen vielleicht selbst der Fall gewesen wäre. Denn solid und betrachtsam bin ich, hol' mich der Teufel, auch, mag die böse Welt schwatzen, was sie will und in Deiner Persönlichkeit erlebt unser treues, tiefes, poetische Westphalentum die schönste Verklärung, die ich mir denken kann. – O, unser liebes, stilles, abgeschiedenes Moor- und Eichen- und Haidenland! – Mir geht das Herz auf, wenn ich dran denke, – an die eingehegten, friedlichen Gehöfte, an die grauen verwitterten Rococostädte auf dem platten Lande, an die einsamen grasbewachsenen Wallgräben unter ihren Ringmauern, an das Kreuz am Wege – ach, an Alles, Alles das! – Da ist's still, da ist's friedlich, da saust kein Dampfschiff und da stöhnt keine Eisenbahn, da kann man sinnen und träumen und das Auge in dem schönen Wahnsinn rollen lassen, den unser altes verschlossenes Geschlecht, mehr vielleicht als irgend ein andrer deutscher Volksstamm, schon der Verwandtschaft wegen, mit dem Briten gemein hat. Wahrhaftig, ich glaube immer noch, daß ich später einmal nach Westfalen zurückkehre und in der Ruhe des Landes oder einer ländlichen Stadt, meinetwegen mit Gras auf den Straßen, mein Lebensepos, meinen Childe Harold, vollende. Herr Gott, Kerl, das Leben ist doch das einzige wahrhafte Gedicht! Geboren werden und Kind sein, und am Mund der Mutter hangen, und sterben sehen, und weinen, lachen, lieben, glücklich und unglücklich machen, Ebbe und Fluth im Innern und Aeußern, gebrochene Herzen und Traualtäre – Alles das und mehr noch, ist's nicht das famoseste Gedicht, was aufkommen kann? Ich will sehen, was ich zuerst schmiede! Das Leben eines Poeten, poetisch gefaßt, muß was Excellentes werden und ist noch nicht da gewesen. Denn Byron gibt nur Theile seines fahrenden Ich, und selbst denen fehlt der Abschluß, die Versöhnung! Und auch die mein' ich gefunden zu haben – Gott Lob! – Aber wohin gerath' ich? – Ich wollte Dir ja nur sagen, daß Du mir unendlich lieb bist, und in Gesellschaft Schlicki pictoris bald kommen sollst. Denn auch er ist ein prächtiger Kerl, und wir drei müssen jedenfalls beisammen sein, wenn wir unseren heimathlichen Strich (ich meine Strich Landes und keineswegs den westphälischen Strich oder Sparren, von dem Immermann einmal mit mir redete) in allen seinen Richtungen zu Darmstadt vertreten wollen. Pack' ihn ja auf zu Unkel, und laß Dich mit einem prächtigen Menschen, Karl Krah, jetzt zu Cöln, früher in Brohlthal, bekannt machen, den ich sehr liebe und den auch Du lieb gewinnen wirst. Ich hab' ihn und seine Schwester Anfangs Juli mit meiner Frau auf seinem Thalschlosse besucht und da ich nicht nach Unkel mochte, Schlickum auch dahin beschieden. Wir haben ein paar herrliche Tage im Thal und am Laacher See mit einander verlebt. – Besuche doch auch Simrathen (in Bonn oder auf dem Menzenberg) ehe Du hierhin kommst. Der Sappermenter antwortet mir in seiner gewöhnlichen altdeutschen Faulheit gar nicht einmal auf meine Einladung zur Britannia. 'S ist aber doch ein lieber Kerl, eine rechte Kernnatur, wasch' ihm übrigens den Kopf! – ... Vale, lieber Kleucker! – Dies ist nun wohl der letzte Brief, den ich Dir vor Deinem Kommen schreibe – werd' ich von Dir noch einen kriegen? Entschuldige mich, daß ich nicht frankire. Meine Casse ist im Augenblick verflucht knapp, und Du hast wohl Pump beim Postboten. Das muß gegenseitige Convention sein bei uns: Wer Geld hat, frankirt; wer keins hat, läßts bleiben. – Adieu, Alter!

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