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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 324
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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322. Ferdinand Freiligrath an Levin Schücking

Darmstadt, 31. Aug. 41.

Lieber guter Schücking!

Welche Freude hatt' ich, als mir der Postbote vor einer Viertelstunde Dein Packet einhändigte. Jetzt, seit ich Deinen Brief gelesen, ist sie fort, wenigstens gedämpft, und ich hab' ein Gefühl in der Brust, als läg' ein eiserner Reifen drum. Dein Brief ist kalt und piquirt, himmelweit verschieden von früheren, die Du mir in den letzten zwei Jahren geschrieben. Lieber, einziger Kerl, hab ich das verdient, trotz meines Schweigens? – »Ausgezeichnetster«, » Ceci n' étant à d'autres fins«, » fidelissime ami« – sieh', darüber könnt' ich weinen, wie ein Kind, oder wie ich selbst vor einem Jahr zu Frankfurt, als mich ein Blick in Literatur-Misère unsrer Zeit erst aufs Bett und hernach schluchzend an Deinen Hals warf! Du hättest mich en revanche mit Schweigen tractieren, hättest über mich losziehen, hättest mir saugrob schreiben können, das Alles hätt' ich verschluckt, nur nicht diese Ironie, die mit platten Worten sagt: »Ich bin nicht piquirt!« und doch durch die Art, wie sie's sagt, vom Gegentheile zeugt. Eine Kolbe sang' ich auf zur Roth; gegen Scheidewasser bin ich nicht gewaffnet! Und Scheidewasser hättest Du mir nicht appliziren sollen! Von Dir frißt und ätzt es mehr, als von jedem Andern. Mir wird's nicht wieder wohl in der Haut, bis Du Balsam nachgegossen hast, und daß Du's thun wirst, dafür bürgen mir wenigstens einige Stellen Deines Briefes. Sieh, Kerl, ich packe Dich mit beiden Händen: sei mir wieder gut, ganz ungetheilt und schreib' mir nicht zum zweiten Mal so eine Epistel! – Herr Gott, das Gefühl, dich durch eigne Schuld verloren oder mindestens erkältet zu haben, ließe mir nicht Ruhe mein Leben lang! – Ich mag Nichts mehr sagen, mir stehen die Thränen in den Augen! – –

Was soll ich Dir nun sonst noch sagen, Du schlechter Mensch, Du malitiöser Kleucker! Daß es mir nach wie vor wohl geht, daß ich ruhig und befriedigt in mir selbst bin, und daß meine Ida das herrlichste Weib von der Welt ist und mich alle Tage lieber hat? Das siehst Du besser mit eignen Augen, und es kann mich also nur zu einem wiederholten: » Caeterum censeo« veranlassen. Wahrhaftig, Kerl, Du wirst Dich freuen, mich wiederzusehen. Die » toujours liebenswürdige Kreuzfidelität«, von der Du schreibst, wirst Du zwar minder häufig an mir wahrnehmen als sonst, dafür aber eine ruhige Heiterkeit in meinem Wesen ausgesprochen finden, die Du mir vielleicht gar nicht zugetraut hast früher. Komm' recht, recht bald und laß uns froh und glücklich sein, wie zuletzt vorigen Herbst in Unkel, als wir uns von den Prager Studenten Webers letzte Worte und die Marseillaise aufspielen ließen. –

Ach, was haben wir uns viel zu sagen und auszutauschen! Noch einmal: Caeterum censeo, Darmstadium esse adiendum!

*

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