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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 320
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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318. Robert Schumann an Flechsig

Zwickau, den 17. März 1828.

Esel und Maulesel sind in der Regel faul: ich lasse den Vorwurf mich nicht treffen und schreibe Dir schon den zweiten Brief, ehe ich eine Antwort auf meinen ersten erhalten habe. – Die Schule ist nun hinter dem Rücken und die Welt liegt vor mir: ich konnte mich kaum der Thränen enthalten, wie ich zum letztenmale aus der Schule ging: aber die Freude war doch größer als der Schmerz. Nun muß der innere, wahre Mensch hervortreten und zeigen, wer er ist: hinausgeworfen in das Dasein, geschleudert in die Nacht der Welt, ohne Führer, Lehrer und Vater – so steh' ich nun da, und doch lag die ganze Welt nie in einem schöneren Lichte vor mir als gerade jetzt, wo ich vor ihr stehe und fröhlich und frei ihrer Stürme lächle. Führe mich ein, mein Freund, in das rege Leben und hebe den tollen Jüngling wieder, wenn er sinkt. Jener griechische Leichtsinn, der das Leben immer in einer schönen Mitte von der Freuden- und Thränenseite ansah, ist gut und fällt ganz in die Zeit der malorum: aber er darf nicht ausarten und in eine ungeregelte Stürmerei übergehen, die über alles lächelnd und freudig hinwegsieht. Alles Gute und Schöne glüht in diesem Moment in der Seele des Jünglings und alle hohen Ideale und alle griechischen Götter stehen glänzend in diesem Jugendolymp. – Freund, bleibe mein Freund wenn ich auch Deiner Freundschaft unwürdig werden sollte, und halte warnend und beschützend diese Zeilen einst vor meine Augen, wenn ich mich schämen sollte, sie geschrieben zu haben und später nicht danach gehandelt hätte. Du bist, Du warst ja der Einzige, dem immer mein Herz mit allen, seinen Freuden und Schmerzen offen stand. Ach! Freund, Liebe und Freundschaft geht auf dieser Erde mit verhülltem Haupte und verschlossenem Munde durch die Menschen und kein Mensch kann dem andern sagen, wie er ihn liebt: aber er fühlt, daß er ihn liebt: denn der innere Mensch hat keine Zunge und kann nicht sprechen. Wenn ich einmal schmerzlich von diesem Blatte mein Gesicht wenden, wenn ich einmal mit Thränen diese Zeilen lesen sollte, die ich jetzt mit freudig, jugendlich stürzenden Augen schreibe, mit einem Worte, wenn der Jüngling gefallen ist, so trete Du, mein edler Freund, und der Genius der Freundschaft vor meine Thränen und richte die gefallene Seele wieder empor. Ach! der Mensch will ja so viel uud kann doch so wenig.

... Lebe wohl und glücklich: und dies sei das letzte Wort das ich Dir aus der Ferne schrieb. Wo uns das Schicksal hinführe, früher oder später, ewig muß ich sagen, daß ich niemals glücklicher war als da, wo ich Dich zum Freund hatte. Bete zu den schützenden Genien der Freundschaft, daß sie uns nicht ewig trennen, und es möge kein Mißton unsere Seelen betrüben und jede Thräne, die uns das Leben gibt, kurz sein und an der Brust des Freundes vertrocknen.

Lebe wohl und glücklich
Dein Freund.

*

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