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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 319
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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317. Robert Schumann an Karl Flechsig in Leipzig

Zwickau, im Juli 1827.

Ich lag eben auf meiner Ottomane; junge Lenze der vergangnen Zeiten flogen um meine bethränten Augen und lächelnd formten sich die entflohnen Bilder meiner Lieben zu einem Traume und wie ich erwachte, hatte ich Thränen im Auge und Deinen Brief in den Händen: da drängten sich alle die frohen Stunden, die ich einst mit Dir, mein alter Freund, [verlebte], wieder vor meiner Seele und wehmüthig erhoben ging ich in die Natur und las Deinen Bxief und las ihn zehnmal: während um das lieblich ersterbende Grün der buschigen Höhen der letzte Kuß der purpurnen Lippe strich: goldne Lämmerwölkchen umlagerten den reinen Aether und –

Verzeihe, daß der Nachsatz nicht kommt: wie ich eben in meiner rührenden Beschreibung meiner armseligen Wirklichkeit die Gegenwart, den neckenden Affen der Vergangenheit, mit thränenden Worten beschreiben wollte, kam der prosaische Auftrag des Postmeisters Schlegel, mit ihm Klavier zu spielen. Nächstens soll der Nachsatz mündlich folgen, aber nur nach einer Flasche Champagner beim Schweizer Sepp. Die seligen Ferien rücken immer näher heran und ich möchte doch nicht gern drei ganze Wochen im Nichtsthun und dem Einerleileben hier in meiner Wiege verjammern: mein alter Flechsig. – Die alten Zeiten kommen wieder, sie müssen wieder kommen: an Deiner Brust, an Deinem mitfühlenden Herzen muß ich das meine wieder ausschütten: Freund, ich habe keinen Freund, ich habe keine Geliebte – nichts' hab ich mehr; hier muß ich schweigen: Alles – Alles mündlich.

Mein Flechsig, jetzt fühl' ich sie erst die reine, die höchste Liebe, die nicht ewig aus den Taumelkelchen des Genusses schlürft, die ihr Glück nur in zärtlicher Anschauung, in Verehrung findet: o Freund – wär' ich das Lächeln, ich wollt' um ihre Augen fliegen, wär' ich die Freude, ich wollt' ihr leis durch alle Pulse hüpfen: ja! dürfte ich eine Thräne sein, ich wollte mit ihr weinen, und wenn sie dann wieder lächelte, da wollt' ich gerne auf ihrer Wimper sterben und gerne, gerne – nicht mehr sein. – Ich schreib Dir Hieroglyphen: kaum werd' ich sie auch Dir entziffern können. Dir der jede Falte meines Herzens kennst. Freund, ich [raste] und kann glücklich sein. Wie eine weite, weite Abendlandschaft, auf der nur matt noch ein rosiger Kuß der sinkenden Sonne bebt, so liegt mein ganzes Leben vor mir: siehe: ich träume: und einen mächtigen, mächtigen Berg, kahl und gebüschlos seh' ich vor meinen Augen sich erheben und eine aufgeknosp'te himmlische Rose blüht auf ihm und ich will sie erreichen, ich will ihr näher sein: und steil ist der Berg und die Klippen starren herab: und vergebens streckt der Freund die flehenden Hände nach ihr aus: und weil er sie nicht erlangen kann, ist er beglückt, ist er ein Gott, wenn es ihm vergönnt ist, die Rose aus der Ferne anzubeten und in der göttlichen Anschauung alle Himmel seines verlornen Glückes wieder zu finden. Freund, solche Träume träum' ich – – wachend! – Genug hiervon: »rein wie Thau ist alles Sehnen, trüb' und flüchtig der Genuß: ewig strebt zum ew'gen Schönen der verbannte Genius«: jetzt könnt ich Dir diese Zeilen, die ich sonst nicht verstand, aus meinem Leben deuten: Flechsig, ich kann es aber nicht, ich kann es nicht mündlich, nicht schriftlich und ruhig schläft es als ein Geheimnis in den Tiefen einer glücklichen Brust. –

Gefühle, mein Freund, sind Sterne, die blos bei hellem Himmel leiten, aber die Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner führt, wenn jene auch verborgen sind und nicht mehr leuchten: ich will mit diesem besten Wegweiser – verließ' er nur so oft die stürmische Bahn des Jünglings nicht – zu dem ersehnten Nord steuern, ja: sollt' es in diesem Nord noch kälter sein, als in den eisigen Polen der – reinen Geometrie.

Ich steure jetzt noch recht wacker in den glühenden Südpol des Sophokles, nicht aber in die rauhen Novazemblas Brunkischer oder Erfurdtscher Anmerkungen. – Horaz ist ein seiner Suitier mit wahren poetischen Siebenmeilenstiefeln – lächelst Du? – drum lieb' ich ihn ...

Meine poetische Mühle – steht jetzt ganz stille: entweder ist zu viel Wasser da, daß die Räder lieber gestört als ordentliche dichterische Zweigroschenbrödchen gemahlt werden, oder es ist gar kein Wasser da, das die Räder nur in Bewegung setzen könnte. – Das quellenreiche Gebiet des sonnigen Pindus zu besteigen, muß man einen Freund, eine Geliebte und – ein Glas Champagner haben: alles Dreies habe ich hier nicht mehr: Liddy ist eine engherzige Seele, ein einfältiges Mägdlein aus dem unschuldigen Utopien: keinen großen Gedanken kann sie fassen: dies sag' ich – nicht als ein Fuchs, der die Rebe nicht erschnappen kann – und deshalb die Traube schlecht nannte, weil sie für seinen Schnabel zu hoch gewachsen war: wenn man sie im Karlsbader Sprudel zu einer weißen karrarisch-marmornen Anadyomene versteinern könnte, so müßte sie jeder wahre und feine Kunstkenner für eine weibliche Schönheit erklären: aber wie steinern müßte sie sein und – kein Wort sprechen: mündlich will ich Dir einige Züge von ihr vorgeißeln und Du wirst über ihre Einfalt mitleidig mit mir lächeln: Ich hab' es Dir und Niemanden Verborgen, daß sie mir gefällt – ich glaube, ich liebte sie – aber ich kannte nur die Form, von der gewöhnlich die Rosenphantasie der Jünglingsseele auf das Innere schließt: so hab' ich also keine Geliebte mehr; aber ich schaffe mir jetzt andere Ideale – vielleicht erklär' ich mich Dir über dieses letztere mündlich – und hab' auch in dieser Hinsicht mit der Welt gebrochen: – Nanni war doch das herrlichste Mädchen: nähr' ich jetzt auch weniger die Flammen einer glühenden Liebe für sie, so sind doch diese letzteren in eine heilig flackernde, still hinbrennende Gluth einer reinen göttlichen Freundschaft, Achtung, gleich einer Madonnenverehrung Übergegangen: mein ganzes Leben blüht jetzt in dem milden Rosengarten der Erinnerung, wo ich manche schöne Immortelle pflückte und sie ewig, wenn auch verwelkt, an meinen weinenden Busen presse und die verblühten Knospen eines glücklichen Lebens küsse. Einen Freund, mit dem ich durch die Blumenwindungen des Pindus schwärmen könnte – einen Freund, sag' ich, hab ich auch nicht mehr. Walther mag sein wie er will: er ist fast ewig mein – Nicht – Ich mein Antipode: und allen anderen gehe ich wenig oder fast gar nicht um: so steh' ich auch hier – mein Flechsig – ganz allein: Hieraus erhellt, daß ich auch das dritte Erforderniß zur rüstigen Besteigung des Parnasses – den Champagner nicht mehr trinke: nur im traulichen Kreise von mitfühlenden Herzen geht das Blut der Rebe in unser eignes glühend und begeisternd über ...

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