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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 315
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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313. Heinr. Stieglitz an Dr. H. Regis

Venedig den 11ten September 39.
Mittwochs, wenige Stunden vor der Abfahrt.

Theurer Regis!

Nur wenige Stunden sind mir noch zugemeßen; aber sie sollen nicht verstreichen ohne ein für Dich abgelöstes Blatt. Fühl' ich doch nur zu gut, wie dessen längeres Ausbleiben leicht Dir grauen Scrupel erwecken könnte, nicht von innerem Erkalten, wohl aber von dem, das uns begegnen kann auf Land und Meer mitten im herzhaftesten Herzschlag. Dergleichen mußt Du aber niemals vermuthend Dir vorführen; es giebt nun einmal Perioden, wo mein ganzes Wesen dem Briefschreiben abgewendet ist, aufgehend in einer andern Richtung. Grade in solchen Zeiten trägt man den Schwimmgürtel entfernter Freunde auf seinen Geistesfahrten inniger als jemals angezogen mit sich herum; aber tastend Einzelne zu berühren, fehlt den vollauf beschäftigten Flossen die Leichtigkeit und Freiheit. Dies für künftig vielleicht derartig eintretende Fälle.

Mein Weg führt diesmal über Triest nach Istrien, und, begünstigt Wetter und Gelegenheit, Dalmazien. Dort ist für meine Studien, meine inneren Evoluzionen in Beziehung auf Venedig manch wichtiger Punkt. Doch denk ich, auch beim auf diesen Bahnen weitest sich erstreckenden Ausfluge, um Mitte des October wieder hier zu sein. Der Winter gehört dann noch Venedig, im vollsten Sinne mit Leib und Seele. Möge freudiges Gelingen mir den Abzug im Frühling zu einem befriedigten machen! Dieser Wunsch ist recht eigentlich ein Ausläufer des tiefsten Lebensgespinnstes, der Summe alles wahrhaft für mich noch Wünschenswerten.

Die Beilage betrachte nicht als von mir an Dich gesandt, sondern von der epischen Muse, welche Dir um Deiner Treue und stillen Beharrlichkeit willen mehr als irgend einem Andern Dank schuldet. Diese permutatio personarum verhält sich ganz einfach so: Hielte mein epischer Plan nicht für den Winter mich noch an Venedig gefesselt, so würde ich nunmehr südlich steuern nach Florenz und Rom, und hätte hierfür Alles straff zusammengehalten, was mir für das Jahr zugemessen; in Venedig aber, wo ich einmal angesiedelt, und Padrone meiner ökonomischen Verhältnisse bin, bedarf ich natürlich weniger; und so macht mich die epische Muse von dem Überschusse meines diesjährigen Budgets zum Vollstrecker für Dich ihren treuesten Ritter. Du wirst dieß ganz in der Ordnung und sogar mathematisch evident finden. Das österreichische Papier gilt überall al pari, und Du thust einem Manne wie Hirt, welcher immer dergleichen wird zu versenden haben, vielleicht sogar einen Gefallen mit Abtretung gegen Courant. Möchte nur die dermalige Möglichkeit sich höher belaufen. Aber Du wirst der epischen Muse mehr den redlichen Willen als den Inhalt anrechnen. Für das, was ich für den Lauf des Winters von ihr erhoffe, verlang ich freilich einen andern Maaßstab, sollt' er auch in Deiner episch ritterlichen Hand an mir zum Prügelkolben werden. Wären wir beisammen, so würd' er sicherlich ein pfaderleichternder Wanderstab. Allein ich bin auf meinen Bahnen nun einmal angewiesen auf Entbehren des Wünschenswertesten, Ersehntesten, und hab in dieser Hinsicht für die Wirklichkeit mich zu resignieren. Im Kreise der auf den innern Wanderungen mich begleitenden Geister fehlt keiner der meinem Herzen jemals Nahen, mög' er nun hüben oder drüben weilen.

Du kannst Dir vorstellen, mein Alter, wie die in Deinem letzten über Mundt mitgetheilten Nachrichten mich überraschend erfreut. Sollte er noch in Deiner Nähe weilen, so grüß mir den Freund aufs herzlichste und wünsche von meiner Seite ihm und seiner Gefährtin Alles, was er beim Blick in meine Seele selber herauslesen wird. Es hat mir wahrhaft wohlgethan, daß er auf Dich einen so wohlthuenden Eindruck gemacht, er, der von Vielen verkannt, und grade in seinem eigensten Element so selten anerkannt wird, das wirklich – bei allen Schlacken, davon jedem von uns eine Portion zugetheilt – echt menschliches Wohlwollen und, da wo er leidenschaftslos betrachtet, die Gabe eines hellen umsichtigen Weltblicks ist. Wie hab' ich so oft gewünscht, gerade diesem Mundt mich wieder einmal persönlich aussprechen zu können! Denn zu einer umfaßenden, in allen Tiefen genügenden Mittheilung liegt zu viel Zeit und während dieser zu mannichfach wechselnde nach innen greifende Begebenheit zwischen uns. Aber weder die weite Entfernung noch der jahrelange Scenenwechsel, noch die vielfachen zu mir sich drängenden Stimmen ihn hart verkennender Naturen haben in mir die Liebe zu ihm schwächen können, und ich bin bis diesen Tag sein unerschütterlicher eifriger Vertheidiger geblieben. Gleichwohl erkenne ich keineswegs, daß unter den Mitlebenden keiner, auch die erbittertesten Feinde nicht meinem erscheinenden Menschen eine so tiefe Wunde geschlagen, als dieser wahrlich mich aufrichtig liebende Freundt. Mundt hatte bei Verfassung des »Denkmals« die schwierige Aufgabe, mich in den verschiedenen Stadien einer gefahrdrohenden Krankheit darzustellen; ich selber war nach harten inneren Kämpfen zu dem Entschluß gekommen, mich in jeder Weise in die Schanze schlagen zu lassen, wo es die Rechtfertigung der herrlichen Charlotte galt. Alle Papiere, alle Selbstbekenntnisse, meine und Charlottens, hab' ich rückhaltlos in seine Hände gegeben. Nun aber haben solche tagebuchartige Skizzen (ich bin mehr und mehr davon zurückgekommen, immer unmittelbarer dem Wechselstrom von Auffaßung und Production und unbedingtem Leben hingegeben) da wo sie das eigne Ich berühren, das Eigenthümliche, den ungehemmten freien Strom des heitern Tags zu überspringen, und mit selbstquälerischer Vorliebe bei den Klippen und Strudeln umnachteter Stunden zu verweilen. Dadurch mag es gekommen sein, daß in Mundts Darstellung der volle gesunde Kern meines eigensten Wesens in Mitleidenschaft gezogen, und mein wahrer freier ganzer Mensch gegen den temporär erkrankten in den Hintergrund getreten. Wenigstens spricht dafür die wiederholte Äußerung der Verschiedenartigsten, welche im Laufe der letzten Jahre mich kennen gelernt, und selbst derjenigen die mich in meinem Glücke näher gekannt: »Mein Gott, was aber für ein Zerrbild ist von Ihnen in die Welt hinausgestellt! Keine Ahnung von dem frischen, kräftigen, mit allem Tüchtigen in lebendigem Einklang stehenden Menschen!« – oder: »Das sollen Sie sein? – Welch eine andre Vorstellung hab' ich nach den über Sie in Schwarz gehenden Schilderungen gehabt! Ich mied ordentlich Ihr mir widerlich gewordenes Bild, und jetzt freu' ich mich herzlich Ihrer näheren Bekanntschaft!« – und dergleichen mehr in hundertfältigen Nuancen. Das ist es auch, worauf jenes Sokratische Wort zielt: »Möchtet Ihr denn lieber, daß ich schuldig stürbe?« – was hauptsächlich denjenigen Freunden gilt, die da ausrufen: »Wie kannst Du nur das so ruhig ertragen?« – Aber an diesen Wirren ist Mundt, mit seinem Willen wenigstens, unschuldig; er hat keine Ahnung gehabt von all diesen mannigfachen Misverständnissen und Misdeutungen, als er in schwierigster Zeit, selbst ergriffen vom Schmerze des Miterlebten, mit strengster Unparteilichkeit ein Bild zu entwerfen sich vorgesetzt, in welches ihm nicht die Grundfarben meines ganzen gesunden Menschen, nicht die Reihe im herrlichsten Glücke mit Charlotten verlebter Tage, sondern das Grau in Grau der unselig verhängnißvollen zu gehören schien, welche das Ungeheure herbeigezogen. Auch fehlt bei ihm nicht die Andeutung schöner Zeit und lichteren Seins, wenn auch nur als Hintergrund der düster hereinbrechenden Schreckensnacht. Was kann er dafür, daß mangelhafte, partielle, oft auch wohl übelwollende Auffaßung und Darstellung späterer Nachschreiber ein gänzlich lichtloses Nachtstück aus meinem Leben und Wesen gemacht? Es sind mir dergleichen grade in der letzteren Zeit in München zu Gesicht gekommen, überhändigt durch den Eifer grausam wohlwollender Menschen, die mich reizen wollten und herausfordern zu scharfem Entgegentreten. Aber keinen Kampf durch mich erregt über diesem heiligen Grabe! – Nur in diesem Frieden und in Klarheit wollender Versöhnung kann von meiner Seite, wenn ich je darüber mich auslasse, gesprochen werden, einfach darstellend, niemals polemisirend, wie sehr sich auch mit Unwillen mein Herz gegen seine verzerrenden Nachschreiber, mit Halbwahrheiten prunkenden Deklamatoren erfüllt fühlt. Die darf ich ignoriren. Aber Mundt, in dem mich keiner irre machen soll, werd' ich nie aufhören zu lieben als den Freund, der in schwierigster Zeit es unternommen, das Bild der herrlichen Charlotte in seiner edlen Schönheit und seelenhaften Vollendung festzuhalten, mag dabei auch mancher unverdienter Flecken auf mich selbst gefallen sein, in Grundirung der Schatten. Meine schwere, aber durch ihre Schwierigkeit eben um so erhebendere Aufgabe bleibt, das Testament nach Kräften zu erfüllen, und soviel an mir ist, durch Ausdauer sie zu rechtfertigen. Die Zeit wird mir immer enger zugemessen und drängt mich zum Schluße. Mich freut für Dich, daß Du wieder Eitner an Deiner Seite hast, Ihr scheint mir für einander zu passen; seine nähere Bekanntschaft hoff' ich noch einmal bei Dir zu machen. Grüß mir von Deinen Freunden, die mir um Deinetwillen lieb sind, und auch die welche vielleicht wohlwollend mein gedenken. Bleibe frisch und kräftig, und möchten Bojardo-Hoffnungen sich mit dem schönsten Erfolg krönen! – Bezüglich auf die Sonetti e Canzone erwiederte mir der abermals deshalb befragte Antiquar, ich suche nach lauter Büchern, die in Italien vielleicht seltener zu finden, als dermalen in London und Paris, da solche seit längerer Zeit bereits überall aufgekauft seien und wo etwa noch verloren zu finden mit Gold aufgewogen werden müßten. Das zuletzt übersetzte Sonett (Dein »neuestes Fohlen« damals) hat mich angesprochen. Aber wird man Dir verzeihen: » behagensprachen?« – Oder gar die zum Anfang der zweiten Terzine (Vers 12) hinübergezogene »Seele« mit darauffolgendem Punkt –? – Mir widerstrebt dergleichen wie alle Freiheit die nach Zügellosigkeit schmückt und die Form verunschönt.

Nun lebe wohl, mein theurer Alter! Alle guten Geister mit uns auf allem Wegen! Aus treuer Seele Dein

H. Stieglitz.

Soll dieser Raum leer bleiben? – Nein! –

Ach' Niobe, wie hab' ich Deinen Schmerz
Auf diesem Grab so ganz empfunden!
Ich fühle jede Deiner Kinder Wunden
Einwühlen in Dein blutend Mutterherz.

Dein Auge sendet brünstig himmelwärts
Den Blick, die unglückseligste der Stunden
Vielleicht zu wenden, doch es hat gefunden
Ein starr Gewölbe nur von Stahl und Erz.

Ach Niobe, Du wirst mit Recht beneidet,
Bevor auf glückesübermüth'geu Pfaden
Der Götter Zorn Du auf Dein Haupt geladen –
Gleich Dir ein Steingebild entschwundner Größe
Ist auch Venezia, wenn in ihrer Blöße
Des staunenden Beschauers Blick sie werdet.

Thomas.

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