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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 314
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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312. Hebbel an Dr. Emil Rousseau in Ansbach

München den 31[!] Septbr. 1838.

Mein theuerster Rousseau!

Wie sehr ich Deinetwegen in Angst gewesen bin, kann ich Dir gar nicht sagen. Mit der größten Ungeduld sehe ich den Briefen Deines Vaters entgegen, und wenn sie eintreffen, so wage ich sie kaum zu öffnen. Gott sey gelobt, heute erfahre ich, daß Du Dich auf dem Wege der Genesung befindest. Wenn der Himmel mir Dich nur erhält, so will ich ihm die Erfüllung meiner übrigen Wünsche erlassen; ohne Dich wären sie mir ohnehin glüchgültig.

Es sind dies martervolle Wochen für mich gewesen, und dennoch, wenn ich zurück blicke, scheint es mir, als ob ich eigentlich niemals die Hoffnung aufgegeben hätte. Nur dann, wenn ich einen Brief in Händen hielt, zitterte mein Herz. Ich habe eine große Kraft, meinen Schmerz zu verschieben, oder vielmehr mich in einen Zustand der Dumpfheit zu versetzen; doch läuft Alles am Ende auf Täuschung hinaus, man macht die Augen vor dem Feind zu, aber man fühlt seine Stöße.

Noch einmal, Gott sey gelobt. Hat er Dich wieder so weit gebracht, so wird er Dich auch weiter bringen. Das ist gar nicht anders möglich, möcht' ich sagen. Du hältst das Leben an mehr, als einem Faden fest.

Worum ich Dich aber bitte: bedenke jetzt Nichts, als Deine Krankheit; nicht Deine Lebenspläne, nicht mich. Wäre ich bei Air, so wollt' ich mein bischen Witz und Erfindungsgabe äuf die Folter spannen, um Dich fortwährend Lachen zu machen. Doch, freilich, sobald Du irgend wieder ein Bedürfniß der Unterhaltung fühlst, kannst Du ganz andere Leute commandiren: den Don Quixotte, den Katzenberger, den Schmelzte u. s. w. Im höchsten Ernst: mach' durch diese Bücher Deine Nachkur, das Lachen ist die Electricität des Geistes und hat wenigstens mich vor der Cholera bewahrt. Du siehst, wie voreilig ich bin, ich spreche schon von der Nachcur.

Auf keinen Fall laß' Dich vor Ablauf von 4 bis 5 Wochen auf Briefschreiben ein; jede Zeile von Dir, die ich früher erhielte, würde mich erschrecken. Recidive sind gar zu häufig und zu fürchterlich und werden durch die geringste Anstrengung hervor gerufen. Ich dagegen werde Dir fleißig schreiben, sobald ich weiß, daß Du meine Briefe ohne Schaden lesen kannst.

Dein Doctor-Diplom wirst Du allernächstens, wahrscheinlich im Anfang der nächsten Woche, erhalten. Ich war heute bei Ast, der Ausfertigung steht nichts im Wege. Und nun, mein theuerster Freund, empfehle ich Dich in Gottes Obhut.

Ich bin in der innigsten Liebe
Dein
F. Hebbel.

*

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