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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 313
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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311. Hebbel an F. W. Gravenhorst in Heidelberg

München d. 13 July 1837.

Ich habe mich schon seit einiger Zeit des Gedankens nicht erwehren können, daß Euer beiderseitiges langes Stillschweigen einen anderen, als einen bloß zufälligen Grund haben müsse. Worin ich diesen Grund suchen soll, weiß ich nicht; ich habe die ganze Vergangenheit, die wir mit einander gemein haben, geprüft und nirgends den Keim zu einer Mißhelligkeit, die nicht gleich ausgebrochen und abgethan wäre, gefunden; wir haben uns von jeher in uns'ren Naturen, so weit sie sich im Kampf mit den verschiedenen Lebens-Ereignissen ausgebildet, gewähren lassen, wir haben uns in uns'rem Streben geschätzt und uns in unsern Ansichten über die letzten Dinge in ein Wechselverhältniß zu setzen gewußt. Dies ist meines Bedünkens ein unverrückbares Fundament einer Geistes- und Herzens-Verbindung, ein solches, welches wenigstens mir für alle Zukunft Muth und Vertrauen einflößt; wie etwas eingetreten seyn könnte, was uns auf einmal anders gegen einander gestellt hätte, ist mir völlig unbegreiflich.

Um mich haben sich im letzten Winter Leben und Tod gestritten; ein Sandkorn gab dem Leben den Sieg. Ich erinn're mich meiner geführten Correspondenz nur wenig, da sie immer – worüber ich Dir im letzten Brief geschrieben zu haben meine – unmittelbarster Ausdruck meiner oft flüchtigen Stimmungen ist und nur in ihrer Totalität mit Bezug auf meine Persönlichkeit etwas bedeutet; ich kann mir aber wohl denken, daß sie zu einer Zeit, wo ich fast ausschließlich andere, als die irdischen Zustände, vor Augen hatte, herbe und dunkel genug gewesen seyn mag. Doch halte ich mich überzeugt, und ein unbefangener Leser wird's finden, daß das Herbe nur aus Mißwollen gegen mich selbst hervor ging, das Schicksal hat mich gemartert und zertreten, ich stieß vielleicht, als es mit Wundpflastern kam, seine Hand zu unsanft und eigensinnig zurück. Auch ging das Dunkle nicht aus innerer Unklarheit hervor; dies schien Rendtorff zu meinen, aber ich mußte widersprechen, denn es wäre verächtlich gewesen, wenn ich den gewichtigsten aller menschlichen Entschlüsse gefaßt hätte, ohne mit mir im Reinen zu seyn; im Gegentheil, das Aphoristische meiner Aeußerungen entsprang aus jenem Mißbehagen, welches Jeder empfindet, der sich über etwas nach allen Seiten Durch-Dachtes und Durch-Empfundenes auslassen will, das er nur noch als That hinstellen oder für ewig unterdrücken und vergessen mag.

Aber, jedenfalls seyd Ihr nicht die Leute, die einen Menschen deswegen meiden, weil er Euch krank scheint. Ein Mißverständnis welcher Art es auch sey, ist eingetreten; wollte der Himmel, ich hätte nur eine Ahnung über den rechten Punct dann könnt' ich's ja vielleicht durch zwei Worte zerstreuen. Ich bitte Dich inständig um Aufklärung, und ich hoffe. Du kennst mich genug, um selbst dann, wenn Du mich einen Banquerotteur glauben solltest, keinen Bettler in mir zu füchten.

Ueber meine jetzigen Verhältnisse, Pläne und Aussichten könnt' ich Dir Manches schreiben, aber entweder interessirt es Dich nicht oder es kommt noch in der etwaigen Antwort auf Deinen Brief, den ich billiger, ja gerechter Weise erwarten darf, früh genug.

Freilich wär' es möglich (obgleich allerdings ein sonderbares Zusammentreffen wunderlicher Umstände dazu gehörte) daß meine Hypochondrie mich dennoch täuschte, daß Ihr nicht schreiben könnt oder nicht schreiben mögt. Doch, auch in diesem Fall darf ich einigen Zeilen entgegen sehen, in jedem anderen aber gewiß.

Grüße R. und sey selbst herzlich gegrüßt, antworte mir aber bald, da ich nicht weiß, wie lange ich noch in München bleibe.

Dein
F. H.

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