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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 311
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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309. Hebbel an H. A. Th. Schacht in Kopenhagen

Hamburg d. 18 Septbr 1835.

Es ist ein fast unheimliches Gefühl, welches mich in diesem Augenblick beschleicht, da ich Dir, mein theurer Schacht, in kurzen Umrissen die Geschichte der letzten Jahre meines Lebens zu geben gedenke. Es wird Dir gewiß auch wunderbar, ja unbegreiflich vorkommen, wenn Du Dich in diesen Gedanken versenkst, daß Freunde, die sich einst täglich sahen und gewohnt waren, keinen Schritt ohne einander zu thun, jetzt über den Inhalt ganzer Jahre mit dem unendlichen Gefolge derselben an geistigen und äußeren Wirkungen ununterrichtet seyn können. Wir sind doch eigentlich Bergleute, die sich bei der Einfahrt in den dunklen Schacht flüchtig begrüßen und dann oft erst dann wieder etwas von einander erfahren, wenn sie verschüttet worden sind. Diese erste Trennung ist zuweilen nichts anderes, als der Vorbote einer längeren zweiten und Freunde haben doch an der letzten allerlängsten genug. Ich beneide die Körperwelt um ihren Magnetismus, er ist etwas, was ihr den Geist ersetzt; der Geist ist ja doch nie etwas Anderes, als das verknüpfende Band zwischen zwei Wesen, wenn die Vereinigung geschehen ist, zieht er sich in seine Abgründe zurück.

Was ich Dir bisher geschrieben habe, könnte Unsinn scheinen, ist es aber wenigstens für mich nicht, denn ich weiß, was ich dabei gedacht, wird es auch für Dich nicht seyn, denn Du ahnst, was ich dabei gefühlt habe. Und nun wollen wir einen raschen Sprung nehmen; nur durch einen Sprung kommt man über Nebel, wie sie mich jetzt umwallen, hinweg.

Noch Jahre lang mußte ich, wie Du weißt, in dem jämmerlichen Wesselburen hinschmachten; Plan auf Plan drängte sich in meiner Seele, einmal wollte ich mich selbst durch einen Gewaltschritt von allem Uebel erlösen und mit Alberti, den Du bei mir gesehen haben wirst, aufs Gerathewohl in die Welt gehen, doch Alles wurde durch äußerliche und innere – auch innere, Du kannst denken, wie viel Schwungkraft mir bei Verhältnissen solches Art, blieb – Hindernisse vereitelt und ich war zwar nie im Begriff, zu verzweifeln, doch sehr oft, mit dem Leben abzuschließen und das mir vom Schicksal aufgedrungene Copiisten-Diplom zu contrasigniren. Da gelang es endlich im Herbst v. J. der Frau Doctorin Amalie Schoppe, den Bürgermeister in Tönnig, dessen Frau sie erzogen hatte, und das Fräulein Jenisch in Hamburg für mich zu interessiren; das Interesse dieser Person trug mir Interessen, es kam so viel Geld zusammen, daß ich für's Erste zwei Jahre ohne Nahrungssorgen in Hamburg zubringen und den Studien widmen konnte. Dabei wurden auch für die Zukunft Versprechungen gegeben, die mich wenigstens, wenn ich sie sehr gering anschlage, auf fortdauernde Unterstützung für die Universitätszeit hoffen ließen und lassen, und am 14 Februar d. J. reiste ich hieher. Nun legte ich mich mit Eifer und Fleiß auf Erwerbung der Sprachkenntnisse; bis in den Juny hinein trieb ich Beides, Griechisch und Latein; später warf ich das Griechische zum Teufel, da mich Jeder versicherte, daß es dem Juristen nicht nöthig sey und da es zu schwierig und zu zeitraubend ist, als daß ein vernünftiger Mensch es der bloßen Ehre wegen erlernte. Das Latein hat mir Mühe gemacht und macht mir noch Mühe, doch geht's damit und ich kann Dir über meine Fortschritte darin nichts Anderes sagen, als daß ich gegenwärtig den Cäsar lese und den Terenz präparire. Es geht nicht so leicht mit diesen Sachen; wer damit spielen kannn, ist nicht mein Spielkamerad. Mein Lehrer, ein junger sehr tüchtiger und geistreicher Gymnasiast, macht mir Hoffnung, daß ich zu Ostern zur Universität abgehen könne; ich weiß aber nicht, ob ich mich dieser Hoffnung hingeben darf und will es wenigstens nicht eher glauben, als bis ich es sehe.

Was nun meine Lage betrifft, so ist diese passabel, weiter aber auch nichts. Es ist ein schlimmes Ding, wenn man auf Weiber gestellt ist, sie stehen dem Mann zu fremdartig gegenüber, um ihn je beurtheilen zu können, und er wird sich selten wohl befinden, wenn sie Einfluß auf ihn haben. Du verstehst mich und weißt, welchen Einfluß ich meine. Das Unglück der Doct. Sch. ist, daß sie Dichterin ist, oder vielmehr, daß sie es nicht ist. Zur Poesie führt nur ein Weg, und der geht direct von der Natur durch den Mutterleib, zur poetischen Kritik führen freilich zwei, aber der Dichterling ist von Beiden entfernt und das Weib kann, wenn der Himmel sie nicht auf den einen gestellt hat, den zweiten nie selbst finden. Die Sch. ist keineswegs so vermessen, sich für eine Dichterin zu halten, doch, sie getraut sich über Poeten ein Urtheil zu und leider hat der Satan ihr Einen dieser noblen Zunft in's Haus geschickt, der ein Drama »Rose und Drache« geschrieben hat und den sie vergöttert. Gott weiß, wie wenig ich Jemanden seine Verse beneide und wie sehr ich bereit bin, den wahren Dichter anzuerkennen; aber ich bin heut zu Tage auch so weit, daß ich den Auserwählten von dem bloßen Prätendenten unterscheiden kann, und sehe den Unterschied zwischen Herrn Janinsky und Uhland, den er weit zu überragen glaubt, zu gut, um Jenem andere Artigkeiten, als in meinem Stillschweigen liegen, zu sagen. Dieß hat, wie mir wenigstens vorkommen will, die Sch. auf gewisse Weise kalt gegen mich gemacht, und Du weißt, wie Gefälligkeiten, Dienstleistungen, Freundschaftsbezeugungen pp, die als Gefrornes gereicht werden, schmecken. Was noch hinzukommt, so hat sie sich vermuthlich von mir eine andere Vorstellung gemacht, als ich später erfüllt habe; ich bin besser, als sie sich dachte, ich lerne Latein, statt Novellen zu schreiben, ich ergehe mich in Vocabeln, statt in Mondschein, ich versenke mich in den ablativ absolut, statt in die Tiefen des Gemüths (Gemüth ist der Brei, den anständige Leute jetzt allein essen) und da bin ich freilich ein Mann, der wegen seines Fleißes zu respectiren ist, sonst aber auch Nichts, als Gutmüthigkeit, hat, was ihn auszeichnet. Drollig ist es, nebenbei zu sagen, daß der Hase den Löwen so gern für ein Kätzchen hält, wenn er ihn verschont. Donnerwetter, Häschen, mußt Du erst einen mit der Tatze haben, wenn Du Dein Compliment machen sollst?

Sonst lebt es sich in Hamburg recht und ich auf mehrfache Weise in Kreise verflochten, die viel Angenehmes haben. Zuerst besteht hier ein Wissensch. Verein, in welchen ich aufgenommen bin; er ist durch die Gymnasiasten und durch einzelne Primaner des Johanneums gebildet, lauter gute theilweise, tüchtige und sehr tüchtige Leute. Dann komm' ich bei einem Fräulein, welches in meiner Nachbarschaft wohnt, einem edlen, vortrefflichen Mädchen, das ich hochachte und verehre – das Herz, oder, damit Du mich nicht mißverstehst, das Leben bedarf solcher Anknüpfungspunkte! Und – Blitz, daß ich Dir das nicht gleich gesagt habe! – auch Alberti ist hier und wohnt mit mir auf einer Stube. Hierüber sage ich Dir weiter nichts, als daß er ganz und gar meine Studien theilt.

Was nun mein poetisches Leben betrifft, so bin ich auch hierin zu einer erfreulichen Bestimmtheit gekommen. Ich kenne und ehre die Schranken, die den Dichter in der bürgerlichen Welt zurückhalten und die nur das Aftergenie zu übersteigen sucht; ich hege längst die Ueberzeugung, daß die Poesie nur eine heilige Pflicht mehr ist, die der Himmel dem Menschen auferlegt hat, und daß er also, statt in ihr ein Privilegium auf Faullenzerei pp zu haben, nur größere Anforderungen an seinen Fleiß machen muß, wenn er Dichter zu seyn glaubt. Ich kenne ferner zu den Schranken meiner Kunst auch die Schranken meiner Kraft, und weiß, daß ich in denjenigen Zweigen, die ich zu bearbeiten gedenke, Etwas werden kann und werde. Diese Zweige sind aber die Romanze und das lyr. Gedicht, vielleicht auch das höhere Drama.

Ich danke Dir, mein theurer Schacht, für Dein Vertrauen und wünsche Dir von Herzen, daß die neue Verbindung, die Du eingegangen bist, zu Deinem Heil ausfallen möge. Ein ähnliches Geständniß habe ich Dir bis jetzt noch nicht – soll ich leider! oder Gott Lob! sagen? – zu machen; jedenfalls bist Du der Erste, dem ich im vorkommenden Fall mein Herz eröffne. Sey so gut, mich unbekannterweise Deiner verehrten Braut bestens zu empfehlen.

Franz geht ja auch in 14 Tagen aus Wesselb. Gott weiß, was dann noch nachbleibt. Ich denke das Loch nie wieder zu sehen.

Nun lebe wohl, lieber Junge, und laß' mich nicht all zu lange auf eine Antwort warten.

Dein
Hebbel.

N. S. Wundere Dich nicht, daß dieser Brief wieder über W. kommt; es geschieht, da Deine Eltern doch schreiben, des bloßen Portos wegen, denn meine Casse ist sehr beschränkt.

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