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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 31
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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29. Ewald von Kleist an Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Liebenswuerdigster Freund,

In was für Unruhe hat mich Ihre Abwesenheit gesetzt! Potsdam ist mir nun voellig zur Wuesten geworden. Ich denke seitdem bestaendig an Sie und stelle Sie mir so reizend vor als ein Verliebter seine entfernte Schoene. Schon zweimal habe ich von Ihnen getraeumet. Ich wuensche mir fast bestaendig, zu schlafen, um Sie zu sehen. Denn sehe ich Sie gleich wachend, so verschwindet diese sueße Fantasei doch, wenn ich vorwaerts neige, um Sie zu kuessen. Alsdann kuesse ich die Luft und fuehle, daß Sie nicht da sind. Wie viel heftiger wird alsdenn mein Schmerz ueber Ihre Abwesenheit! Im Schlafe aber gehe ich wirklich und lange mit Ihnen um. Wir spazieren zusammen am Ufer des Meeres, hoeren sein taubes Murmeln und sehen, wie es die blauen Wellen in sich schluckt. Bald befinden wir uns auf anmuthigen Wiesen, worin Baeche, wie Silber im Smaragde fließen. Zefir schwingt die Fluegel und weht uns Lilienduft entgegen. Sie zeigen mir, wie Regentropfen auf goeldnen Narcissen an der Sonne blitzen. Augenblicklich sind wir in einem rauschenden Gestraeuche. Wir hoeren die huepfenden Gesänge der bunten Stieglitzen. Der Kuckuk ruft uns entgegen, wie er heißt. Denn sehn wir die Sonne, die kurz zuvor gleich den Haeuptern der Heiligen strahlte, sich hinter einem Walde in rosenfarbenen Wolken verbergen, wodurch die gruenen Blaetter der Wipfel das Ansehn gewinnen, als ob sie im Feur gluehten. Wir gehn nach Hause, kuessen uns, springen und lachen.

Solch Vergnuegen macht mir zuweilen der guetige Schlafgott. Wenn werden Sie aber meine Traeume einmal zur Erfuellung bringen? Ich erinnere mich noch mit Vergnuegen derjenigen Zeiten,

Da ich Sie so treu gepriesen
und so zaertlich angedrueckt,
daß es noch die Abendwiesen
und den kleinen Hain erquickt.

Lassen Sie dieselben doch ehestens wieder umkehren! Ich will ein Gebet an den Fruehling machen, daß er sich bald unseren Grenzen nahe. Alsdann werde ich im Stande sein, Ihnen mehr Vergnuegen in Potsdam zu machen.

Ich bin mit unveraenderlicher Zaertlichkeit
Meines liebenswuerdigsten Freundes
getreuer
Kleist.

Potsdam,
den 9. Maerz 1746.

*

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