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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 308
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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306. Friedrich Rückert an Carl Hermann

Erlangen den 21. Apr. 1831.

Lieber alter Freund und Bruder!

Was wirst Du dazu denken, daß ich Deinen herzlichen Gruß so überlange Zeit unerwiedert gelassen habe? Doch ich weiß, und kenne Dich darauf, daß Du von Deinen Freunden nur das Beste denkest; und so wird Dir Dein eignes Herz irgend eine Entschuldigung meines unerklärlichen Stillschweigens, besser als ich selbst sie aufzubringen vermöchte, an die Hand gegeben haben. Es weiß es Niemand als meine Frau – denn wem soll man sonst so etwas sagen? – wie sehr mich Dein Brief gefreut hat; er hat mich durch seine liebevolle Wärme aus meiner frostigen Umgebung ins verlorne italienische Paradies der Kunst, Jugend und Freundschaft zurückgezaubert. Ja, theurer Freund, ich habe Dich so wenig vergessen als Du mich, und es erquickt mich auch jetzt wieder, und erhebt mich in einer gerade sehr gedrückten Stimmung der Athem der Herzlichkeit, der mir aus Deinem Briefe, so oft ich ihn wieder lese, immer neu entgegenweht. Von meiner Überraschung und Freude über Deinen Gruß könnte Dir auch Prof. Abegg gesagt haben, ob ich es gleich mit dem guten Manne, wie ich fürchte, verdorben habe, zum Theil durch ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände, zum Theil auch durch meine Dir gewiß nicht unbekannte Ungeschicklichkeit in Handhabung gesellschaftlicher Verhältnisse. Als er im Spätsommer vorigen Jahres hier ankam, und mir Deinen Brief brachte, mußte ihn schon das befremden, daß ich auf Nennung seines Namens so wenig von seiner Persönlichkeit zu wissen schien, worüber mich hinterher meine besser unterrichtete Frau erst belehren mußte. Ich habe über die orientalische Sprache, in die ich nothgedrungen mich werfen mußte, die ganze übrige gelehrte und ungelehrte Welt vergessen. Dann hatte ich damals gerade die abscheulichsten Verdrießlichkeiten mit meinem Wirthe, und ging mit einem Auszug um. Als dieser glücklich beendigt war, und ich endlich wieder an meinen Breslauer Freundschaftboten dachte, war dieser bereits nach Heidelberg abgereist. Im Herbst, von einer Ferienreise zurückgekommen, fand ich mich bei einer Abendgesellschaft mit ihm zusammen, ohne ihn, den ich nicht wieder hier vermuthete, zu erkennen und zu begrüßen, da ich in ein halbdunkles Zimmer trat und er unter dem Haufen versteckt war. Als die Lichter kamen und ich ihn erkannte, war das Tempo bereits verfehlt, er that spröde gegen mich, und hatte in seiner Ansicht der Dinge wohl recht dazu, ich aber, statt meine Freundlichkeit zu verdoppeln, zog mich nach meiner mürrischen Art gar zurück, und ließ ihn darauf reisen, ohne ihm, wie ich natürlich vorgehabt, eine Antwort an Dich mitgeben zu können. Und so ist diese, ihres natürlichen Trägers verlustig, ganz liegen geblieben, nicht ohne sich von Zeit zu Zeit als eine schwere Versäumniß durch mein Gewissen zu melden, so wie durch mein zweites Gewissen, meine Frau, die seit mehreren Monaten mich jede Woche einmal an zwei Briefe mahnt, einen an Dich und einen an einen andern lieben Freund, anderer Art, doch verwandter Kunst mit Dir, nach welchem Du Dich auch bei mir erkundigst, an Barth in Frankfurt, der der Pathe meines Erstgebornen ist. Heute endlich, da sie mich endlich darangehen sieht, Dir zu schreiben, und Hoffnung hat, daß nachher auch an ihren Gevatter die Reihe kommen werde, freut sie sich so sehr darüber, daß sie aus weiblicher Inconsequenz mich vom Schreiben zu einem Belobungs- und Belohnungsthee abrufen ließ, den ich also erst abthun muß, ehe ich Dir die übrigen Seiten vollschreiben werde.

Ich ersehe mit Freuden aus Deinem Briefe, daß Du eigentlich alles hast, was ein Mensch sich wünschen kann, vollauf Arbeit in Deinem Dir so ernsten Beruf, Freude an Deinen Werken und Anerkennung in Deinen Leistungen. Die äußere Sicherung Deiner Tage, die Du noch vermissest, wird, wenn sie nicht inzwischen schon gekommen, gewiß nicht ausbleiben unter einer so erleuchteten Regierung, auf die man aus ganz Deutschland bewundernd hinblickt. Oder sollte Dein König, der für alles Gute und Schöne Geld genug hat und Gottes Segen dazu, nur für die Maler keines haben, grade umgekehrt, wie unserer, der nur für diese welches hat? Cornelius ist ein vornehmer Herr geworden, doch im Kern der Alte geblieben; ich habe ihn beim Dürerfest in Nürnberg mit mehreren andern guten Gesellen, aus der schönen Zeit in Rom, gesehen, als da sind der liebenswürdige Schnorr, der treuherzige Vater Eberhard etc. Alle haben mit voller Liebe auch Deiner gedacht und mir von Deinen Werken zu sagen gewußt. Allen geht es nach Wunsch, nur mein lieber Barth sitzt in Frankfurt, nährt sich kümmerlich von seiner Hände Arbeit und wird ein alter mürrischer Junggesell werden. Ich selbst lebe in leidlicher, nichts weniger als glänzender Lage und nicht ganz in meinem Beruf, denn ich bin doch eigentlich nur darum ein Orientalist geworden, weil ein Poet keine Familie ernähren kann. In meiner Familie aber hat mich der Himmel über alle meine Würdigkeit gesegnet. Eine liebe Frau, die so gut und brav ist, wie ich mir die Deinige denke, hat mir nicht weniger Kinder gegeben, ich habe Jungen nacheinander und das sechste ein Mädchen, Heinrich, Karl, August, Leo, Ernst und Luise, wie meine Frau heißt. Sie grüßt Euch alle herzlich mit mir und hat den eigennützigen Wunsch, Du möchtest bei Deiner vorhabenden Reise, so lange bei uns wohnen bleiben, um einen und den andern ihrer Buben, der Dir am besten gefiele, ihr zu zeichnen mit einem Theilchen der Meisterschaft, die an Deinem Bilde des heiligen Vaters auch von uns Nichtkennern bewundert wird. Recht großen Dank für dieses Bild! Wenn Du wirklich noch zu Deiner Reise kommst, so wünsche ich nur, daß wir uns nicht verfehlen. Doch das darf durchaus nicht geschehen, hör' also! Ich selbst reise gleich nach Pfingsten mit Sack und Pack nach Koburg. Dort bleibt meine Familie den ganzen Sommer bei meinen Schwiegereltern und ich selbst eine Zeit lang. Später gehe ich dann, ich weiß noch selbst nicht mehr wohin, vielleicht nach London, vielleicht nur nach Berlin und Wien, und komme in diesem Fall auch wohl nach Breslau. Reisest Du also später als Pfingsten, so suche mich nicht hier, sondern in Koburg, was Dir durchaus kein Umweg ist; und kommst Du so spät, daß ich selbst nicht mehr dort bin, so mußt Du wenigstens meine Frau und Kinder kennen lernen. Du wirst nicht zum zweitenmal neben Vorbeigehn, wie Du mir einmal von Bamberg aus gethan hast. Wenn Du der Maler mich den Schriftsteller recht beschämen willst, so schreibe mir noch zuvor, wie Du es halten willst. Zum Schlüsse tritt mir unser stilles Leben in la Riccia mehr lebhaft vor die Seele. Unsere Signora Marianna ist todt, auch der gute dienstbare geistliche Sohn. Weißt Du noch, wie man uns in Mettano für zwei dem Meere entstiegene afrikanische Seeräuber hielt.

Lebe wohl, liebe, gute Seele! Gott sei mit Dir, mit den Deinigen und mit Deinen Werken! Mit unwandelbarer Liebe

Dein Rückert.

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