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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 306
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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304. Mörike an Johannes Mährlen in Ulm

[Köngen,] den 28. Oktober 1827. Sonntag.

Ich las Deinen Glück strotzenden Brief, und die Arme sanken mir am Leib herunter. Der hats! Der ists! (Hofmeister nämlich) sprach ich mit Wehmut bei mir selber und zwang alles Freundschaftsgefühl den Hals herauf, um zu rufen: Ich gönns ihm von ganzem Herzen! – Aber kaum ist dies heraus, so schießt mir der kecke Gedanke, wie ein Blitzstrahl, hinten nach: Die Korrektur überläßt er mir. Oha! wirst Du rufen. Allein, sage! was hättest Du machen wollen, wenn ich, wie ich ernstlich Willens war, spornstreichs zu Dir nacher Ulm gerannt wäre, einen Fußfall getan hätte und geschluchzet: »Freund, Einziger, laß mich korrigieren! um Gottes Willen! korrigieren laß mich! und von den Sechshunderten laß mich nur ein Sechstel haben!« Was hättest Du gemacht? Sage! Gott hat Dir ja ein passables Herz gegeben, und ich bin der redlichste Kerl, dem nicht drum zu tun ist, reich zu werden, sondern nur irgendwo unterzukommen, wo nicht gepredigt wird. Nun was hättest Du für ein Gosche gemacht? – »Unter keim Vorwand«? – Dann soll Dich der T... holen!

Kurz, ich für meine Person baute soweit auf Dein point d'amitié und fuhr in der Tat (mit Kauffmann, der mich damals eben besuchte) nach Stuttgart, um vorerst den Dettinger über die Bewandtnis mit diesem Korrekturauftrag zu fragen. Gelt, das heißt recht die Rechnung ohne den Wirt machen? Zu Deinem Trost sag ich Dir nun aber, daß ich freiwillig verzichtete, wiewohl keineswegs aus Bescheidenheit gegen Dich, sondern weil mir in der Tat ein anderer Kopf wuchs. Ich sah deshalb den D[ettinger] nicht einmal.

Was ist nun mit diesem allen gesagt? – Nichts, als daß ich Dir ein sprechendes Beispiel von meinem horrenden Vertrauen auf Dich gegeben habe.

Daß Du, Kanaille, nun geborgen bist, kann ich aber doch nicht recht leiden, weil ichs nicht auch bin, weil ich, wie ein miserabler Hund, hinter Deiner carrière brillante herwinsle und sogar anfangs Deine Skarren aufschlecken wollte. Dennoch schüttl ich Dir die Hand zum Glückwünsch, wie meinem leiblichen Bruder, und warte indessen, bis auch mein Christkindle kommt. Angezettelt ist was, aber so klein, daß ichs nicht einmal zu beschreien wage, und es ist überdies eine Lumperei, wenns auch gelingt.

Du kommst ja bald zu mir. Ich erwartete Dich die ganze Zeit her jeden Tag auf Deiner Durchreise nach Stuttgart.

*

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