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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 305
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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303. Mörike an Waiblinger

[Tübingen,] den 8. April [1825].

Was ich jetzt zu Dir sagen muß, wird Dir so unerwartet sein! Ich will nur wenig und einfache Worte dazu brauchen. Ach! es ist mir keine Sprache ruhig und freundlich genug. Dir meinen Entschluß gelinde ins Ohr zu sagen. Ich möchte gern meinen eigenen Schmerz dabei, ich möchte meine Liebe, die immer wieder zu Dir hinlaufen will, und zugleich die Notwendigkeit jenes Entschlusses Dir alles auf einmal ins Herz prägen. Ich glaube, lieber W., und habe es bald nach jenen ersten Abenden geahnet und immer wieder zurückgedrängt, daß wir uns begnügen müssen, uns einmal erkannt zu haben, und an der Liebe, die jeder vom andern behalten wird.

In der Zeit, daß der Gedanke in meinem Innern Raum gewann, stand ich oftmals still und legte die Hand auf mein Herz: ob ich wohl täte? Aber ich tue wohl und recht.

Weder Bequemlich und Leichtsinn, noch daß meine Liebe zu Dir abgenommen hätte seit dem ersten Abend, ist ein Grund; dieses sei versichert! Du sähest meine Freude und meine Rührung, als ich Dich damals fand; ich fühlte unwiderstehliche Neigung und Pflicht, mich Dir ganz und auf immer zu übergeben; aber selbst jene Augenblicke waren nicht leer von Besorgnis, daß wir nicht bei einander bleiben könnten. Ach Gott! muß ich denn solche Worte brauchen, die, wenn Du bitter würdest, so gar gemein lauten müssen?

Aber nur weiter! Ich bin ja nicht unredlich dazu gekommen. Weiß der Himmel, ich liebe Dich mit dem vollsten, reinen Herzen und habe Gram genug über das, was ich tue.

Sieh! ich wäre Dir, Du wärst mir ein Hindernis, ein Aufenthalt unseres Laufes, den jeder für sich nehmen muß. Du sähest dies nur darum nicht früher, weil ich Dir in Deiner Empfindungsart, in der ich mich gar gerne selber wiederholte, nicht entschieden widerstand; dies war mir nicht möglich, denn ich wollte glücklich bei Dir sein, und was wir gleiches hatten, mochte ich mit Lust genießen. Allein es ist meine alte Erfahrung (und das hätt ich auch jetzt nicht sollen übersehen), daß ich die Poesie im Umgang mit keinem zweiten teilen kann, der ihre Unruhe und Leiden um sich verbreiten muß, statt daß er sie rein in sich verwindet oder, wenn sonst keine Auskunft ist, auf einem (nur scheinbar) entfernter» Weg sich mit ihr ins Gleichgewicht setzt.

Scheint dieser Grund dir selbstsüchtig (aber mit Unrecht), so bedenke, daß wenigstens Dir bei dieser meiner Schwachheit nicht gedient wäre, und daß ich eben so gut verhüten will, den Gang, den Du der Natur gemäß fortnehmen mußt, unzeitig zu stören oder mit dem meinigen in ein erbittertes Gedränge zu bringen!

Liebe Seele! nimm meine Offenheit nicht für Härte oder sonst etwas Böses! Greife die Mittel wieder auf, die Du damals fallen ließest, als ich Dich aufs neue wieder ins Ungewisse reizte!

Was hab ich Dir noch zu sagen, das Du nicht Alles selber wüßtest! Eines kann ich doch nicht, es kanns kein Mensch – Dich über Deine Zukunft beruhigen! Du kannst es! Ich aber weiß, daß Du mich entbehren kannst und glücklicher bist ohne mich. Und daß eine Zeit kommt, wo wir neu zusammentreten.

Leb wohl! Laß mich nicht ohne ein paar Worte und nimm schließlich die Versicherung, mir habe niemand zu diesem Schritte verholfen!

Dein
E.

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