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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 303
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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301. Mörike an Wilhelm Hartlaub

Metzingen, den 15. September [1822] 3½Uhr.

Lieber!

Sieh! ich schreibe Dir kurze Zeit, nachdem ich Dich verlassen, ohne daß ich Dir etwas Eigentliches zu sagen wüßte.

Unser Postwagen muß hier einen andern abwarten, ein Umstand, der mir nicht gerade unangenehm ist. Ich fuhr bisher ganz allein und bequem an der Seite eines ziemlich alten Frauleins; sie ist gutmütig genug, es nicht unanständig zu finden, wenn ich ihre gar häufigen, höchst gewöhnlichen Gespräche nicht so ganz berücksichtigen kann ...

Sieh! ich sitze wirklich in dem Wirtshaus, in dem vertrauten Stübchen allein, wo ich vor einem halben Jahr mit Waiblinger saß, als er mich bis hieher begleitete von Reutlingen aus. Dieselbe grüne Tischdecke seh ich vor mir, dieselben Bänke; auch sah ich den Brunnen, wo wir uns trennten – nach einem lebhaften Gespräch (in dem Zimmer) über die Poesie, über uns beide, wo dann unsere Herzen so ganz feurig zusammen klangen, wo wir uns ganz liebten. Beim Abschied glühten unsere Wangen einander, und wir schieden stumm. Vor vier Jahren befand ich mich in diesem Zimmer – mit meiner Mutter in ganz anderen Gedanken, viel unerfahrener, aber gutes Muts und meine künftige Laufbahn in Urach nicht einmal recht bedenkend. Die gute Mutter! In 7 Stunden bin ich daheim.

Auf dem Weg hatt ich einen vielfachen Wechsel von Stimmungen: das Scheiden von U[rach], Gedanken an die Vakanz, die Zukunft. Ich weiß nicht, wie ich eigentlich hierher kam; es schien mir als hätt ich von Eurer Gegend oder von der meinigen noch nicht so recht gehörig Abschied genommen, und wie ich zurück dachte, wars, als sähe ich mich selber – einen Mörike, den wahren – in U[rach]; es machte mich halb wehmütig. Du wirst sagen: »Ganz eigens!« Aber es war so.

Auch an Dich hab ich gedacht, und mehr als einmal. Und – sonderbar genug – lange an Mignon; sie stand fast nie so rührend vor mir. Ihr Lied ging mir immer im Kopf herum.

Wenn Du herunter fährst oder herunter gefahren bist, so will ich Dich fragen, ob Du an den ersten Häusern von Metzingen (die ersten von Urach aus!) auch das schwarz gemalte Pferd auf weißer Wand bemerkt habest. Ich sah es auch an und dachte gerade an Dich. Das kleine Haus steht auf der linken Seite ...

Eben rollt der Tübinger Wagen an.

Leb wohl!

Der Brief fährt mit mir bis zur Thailfinger Post.

Immer der Deine
Eduard.

*

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