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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 301
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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299. Mörike an Waiblinger

Urach, den 20. Dezember 1821.

Vielen Dank für Deinen lieben, unverdient schnell erfolgten Brief! Was Du darin in Beziehung auf die Beantwortung Deiner Schreiben verlangst, bin ich recht gerne gesonnen, nach Möglichkeit zu erfüllen; was aber Deinem Wunsch, uns in den Weihnachtsfeiertagen gegenseitig zu sehen und sprechen, betrifft, so muß ich Dir mit eigenem größtem Unwillen die Unmöglichkeit hievon kund tun. Kürzlich nämlich ward ich rheumatischer Umstände wegen auf mehrere Tage ins Bett gesprochen, worauf mir denn gestern, trotz meiner ziemlichen Erholung, eine Professorstimme, unfein vorbeugend, ins Ohr geraunt hat, bei mir könne natürlich von Reiseplanen nicht die Rede sein. Und so mußt ich mich, ungeachtet des förmlichsten, allemal hiezu erforderlichen Einladungsschreibens, bescheiden. Ich verschlucks in der Hoffnung, daß wir doch in Bälde so oder so zusammenkommen müssen. Die Pause, die rücksichtlich der Lebhaftigkeit in unserem Kloster die Tage entstehen wird, macht wohl, sofern sie nicht zu lange dauert, einen angenehmen Eindruck auf mich, und wenn Du vollends wolltest, daß mir in der Zeit ein Tagebuch oder dergleichen etwas zukäme!

Die beiden ersten Bände von »Dichtung und Wahrheit« hab ich nunmehr gelesen. Sie hatten eine wunderbar anmutige Wirkung für mich. Es tut einem wohl, den Großen so menschlich zu sehn, man meint keine Ursache zur Schüchternheit vor ihm zu haben, fühlt sich ihm näher gebracht, wenn man hier liest, wie er so umgänglich und menschlich war; an jedem aus seiner Umgebung findet er etwas Gutes. Heut sagte einer, der das Buch vor sich hatte, zu mir, er wisse nicht, das Ding sei eigentlich doch ein ... Nicht wahr, der hatte wohl von dem Ahndungsvollen nichts verspürt, wovon das Gemüt bei Schilderung des altertümlichen Vaterhauses oder der Empfindungen, die der Knabe beim Anschaun von den ehrwürdigen Dingen hatte, eingenommen wird? ...

Vorgestern Nacht sah ich Dich träumend im Zimmer eines Stuttgarter Wirtshauses mit vielen andern Leuten, worunter ein großer Teil Gymnasisten und Uracher und andere Studenten, namentlich aber Ludwig Uhland war. Du hattest so ziemlich das Ansehn eines der letzteren und erschienst mir gar nicht in der Gestalt, der ich mich von hier aus noch an Dir erinnere; Du sprachst wenig, warst noch nicht bekannt mit mir; doch sah ich in ein Buch hinein, das Du mitgebracht hattest. Uhlanden sowie Matthisson sah ich, ungeachtet ich es sehr wünsche und auch etwas verwandt mit dem ersten bin, noch nie mit Wissen. Haug hingegen, der Dir ja auch lieb ist, sprach schon öfters mit mir im Garten meines Oheims; auch erinnere ich mich einiger Bonmots, die er mir gesagt. Du glaubst nicht, mit welcher Stimmung ich einen solchen Mann betrachten würde! – Aber noch einen Traum hatte ich damals, der mir traurig zeigte, was ich schon seit ½Jahre weiß. Ich nannte einst ein Wesen mein, wie Du eines Dein nanntest: Dir wards genommen, aber Du hasts noch. Ich Habs auch verloren, aber trauriger; denn zu einem andern ists übergegangen.

Ich eile nun, den Brief, der Dir eigentlich bloß sagen sollte, daß ich die Feiertage hier zubringen muß, auf die Post zu fördern.

Leb wohl! Schreib, was noch nicht geschrieben ist, oder schick, was Du schon geschrieben!

Geküßt von Deinem
Möricke.

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