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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 299
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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297. Eduard Mörike an Wilhelm Waiblinger

Urach. Sonntag am 11. Nov. Abends.

Mein Freund!

Tausend Dank vorerst für Deinen lieben, warmen Brief, und für das Wörtlein – Du – das ich mit eben dem Gefühl zurückgebe, mit dem ich es empfing.

Du sprichst zu Anfang Deines Schreibens manches von bittern Erfahrungen, die Du mit Menschen gehabt hast, welche sich Deine Freunde nannten; – ich darf es Dir wohl sagen, daß jene Worte Dich mir viel näher gebracht und lieber gemacht haben! aber genug hievon! Sieh, Guter, ich habe solche kalte Herzlose auch schon so kennen gelernt und Gott gedankt nachher, daß ich ich nicht für sie taugte. Du wirst Dich hoffentlich auch nicht länger über ihren Verlust grämen. – Ich habe niemanden hier, der mir das seyn könnte, was ich billigerweise an einem vollkommenen Freunde wünsche; Eine treue, redliche Seele hängt mir zwar mit derselben innigen Liebe an, mit der ich ihr entgegenkomme, ich könnte alles diesem Liebling aufopfern und mit niemanden hab ich je so vertraut und froh gelebt, aber in Beziehung auf die beyderseitige Übereinstimmung in Richtung des Geistes vermiß ich (unter anderem) Etwas, ohne welches ich an der Seite dieses Theuren nie ganz glücklich sein werde. Und wenn ich Dir nun sage, daß dieses Eine – vorherrschende feurige Liebe zur Poesie, ächter Geschmack ist, so hab ich Deine Frage, ob ich diese Kunst nicht auch vor allen andern verehre – schon beantwortet. Auch mir ist jene Zuflucht, die sich Dir in Deinem Schmerz oft aufthat, und Dich befriedigen konnte, nicht fremd, wenn schon mir nicht vergönnt ist, so, wie ich es gern wollte, in diesem wohlthueuden warmen Sonnenschein zu verweilen, aber ich hoffe, die Zeit wird noch kommen, wo man mir es nicht mehr für Raub an der Zeit anrechnen soll, wenn ich meinen Faust in der Hand glücklich bin wie Du.

Das sind gewiß seelige Augenblicke, wenn ich draußen an einem Lieblingsplatze den Hölty auf dem Schoost habe, seinem ächten, frommen Liede zuhöre, mit ihm weinen muß, und bei dem Gedanken an Jenseits mir vorstelle, daß ich einmal mich dort dem lieben, blassen Getrösteten zutraulich nahen darf und ihm dankend ins freundliche Auge blicken. Verzeyh den kindischen Gedanken! Es schadet nichts, daß ich da zufällig auf diesen Dichter komme, der sicher trefflich in seiner Art ist, denn Schneckenburger (er hat ihn sich kürzlich neu gekauft) sagte mir ja schon früher, daß Du ihn auch gerne leiden mögest. Was ihn besonders liebenswürdig macht, ist wohl auch seine Persönlichkeit, wie sie in der Biographie durch Voß trefflich geschildert ist; Du hast sie ohne Zweifel längst gelesen oder viel verloren.

Das Du Göthen als unsern Größ'sten anerkannt; weiß ich; daß ich manches von ihm gelesen, vermuthest Du vielleicht; in dem Fall aber, hoff ich, zweyfeltest Du nicht daran, daß ich Deinem Urtheil wahrhaft beytreten werde. Letzthin versucht ichs die beyden, Schiller und Göthe mit tobten Gegenständen zu vergleichen – eine Weise, die Du auch liebest und die nach meiner Meynung recht nützlich ist und einem viel Freude macht, ja oft das Unaussprechliche leise vernehmen läßt. (Jenes Gleichniß schreib ich Dir, wenn Du nichts Gutgelungenes darunter vorstellst, mit nächstem bey.)

Die Stelle aus Johannes umfaßt allerdings das Höchste, wer sie in einer geweyhten Stunde denkt und nicht tief getroffen wird, ist todt, ist kein Mensch.

Ich werfe mir oft vor, mein Streben sey nicht das, was es seyn könnte, und glaube fest, daß ich mich in einer andern Lage und Umgebung besser befände; Zimmermann sagt: Lieber Jüngling, Einsamkeit ist Deine Welt!

Nun hab ich genug an Dich hingesprochen und darf bald wieder einem Brief von Dir entgegensehen. Wenn Du nur wüßtest, wie ich ihn verschlinge und immer möchte, er sollte noch länger seyn.

Aber wie soll ichs machen, Dich recht schön um Dein Tagebuch zu bitten? Schenkst Du mir dieses Zutrauen, so kann ich Dir freylich nicht genug dafür danken, aber Du sollst gewiß keine Ursache haben. Deine Güte zu bereuen. Wenn ich ein Tagebuch führte, so solltest Dus zuerst erhalten. Nur Eins aus Deinen Gedichten möcht' ich beygelegt finden! Nicht wahr? – Doch schreib nur bald wieder, und sag mir, womit Du Dich wirklich beschäftigst; sprich auch von Matthisson, Haug und vorzüglich von L. Uhland – sie alle sind mir merkwürdig, namentlich in Beziehung auf Dich.

Leb wohl, und denk an Deinen
Dich liebenden Möricke
der so oft an Hugo T. denkt.

Grüße von dem guten Mährlen usw.

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