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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 296
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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294. Michael Beer an Karl Immermann

Paris den 11. Mai 1829.

Ich stehle mir heute mein theurer Freund die Minuten um Ihnen mit wenigen Zeilen für Ihre lieben lieben Briefe und für »die Schule der Frommen« zu danken, denn ich habe seit 10 Tagen keinen Augenblick für mich, da mein Bruder Wilhelm mit seiner Frau hier angekommen ist, und mich, der ich sein cicerone seyn muß, kaum zu Athem kommen läßt. Ich füge zu diesen Zeilen die dürftigen Tragödien, die endlich bey Cotta erschienen sind, und die Ihr freundlich nachsichtiger Sinn so liebevoll in Schutz genommen hat. Seyn Sie auch ferner milder gegen diese meine Kinder gesinnt, als es ihr Vater ist. Könnte ich Ihnen den Widerwillen beschreiben mit dem ich sie jetzt in ihren neuen wahrhaft eleganten Kleidern wieder durchblättert habe! Hätten diese Kinder ein Erbtheil von mir zu erwarten, ich würde sie mindestens auf's Pflichtteil setzen, da unsere Gesetze das völlige enterben verbieten. – Wozu dichte ich auch, wenn das Fertige so wenig Befriedigung darbietet?

Wenn ich mich doch nie gedruckt erblicken dürfte!

Ich beneide die Vögel, die ihre Lieder in die Lüfte schmettern, und wenn sie die Lust gebüßt haben, von ihren Tönen nichts mehr wissen. Sagen Sie mir nicht, daß ich auch wie die Lerche singen könnte – aus Frühlingslust für mich allein. Wenn es den Menschen nicht zum Menschen zöge – wenn wir den Zwiespalt in uns beschwichtigen könnten, der uns drängt erst durch andere zu erfahren was wir Werth sind! – Dann –! O über die traurige Mitgift eines Berufs! Ich möchte in die Haut eines Regierungs-Rathes kriechen, der eben nichts ist, als der absolute Rath einer absoluten Regierung. Der weiß auf ein Haar wie viel er nützt und seinen Werth kann er auch ganz deutlich nach den 800 Thalern seines Gehaltes bestimmen.

Lassen Sie mich mit dieser weisen Bemerkung schließen, und mich die Bitte hinzufügen mich nicht länger ohne Nachricht zu lassen.

Künftigen Monat hoff' ich Sie und Freund Schadow (in Düsseldorf) wiederzusehen. Meine Mutter und mein Bruder Meyerbeer, der wiederum das Unglück gehabt hat sein Kind, (das zweite an derselben Krankheit wie das erste) zu verlieren, gehen nach Spa. Ich besuche sie dort, und also auch meine Düsseldorfer Freunde. Schreiben Sie mir welcher Zeitpunkt Ihnen der gelegenste ist. Tausend Grüße unserem liebenswürdigen Wilhelm. (Schadow.) Er hätte mir wohl ein Wörtchen antworten können.

Herzlichst
Ihr
Michael Beer.

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