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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 294
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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292. Heine an Moses Moser

Verdammtes Hamburg, den 14. Dezember 1825.

Teurer Moses! lieber, gebenedeiter Mensch!

Du begehst großes Unrecht an mir. Ich will ja keine große Briefe, nur wenige Zeilen genügen mir, und auch diese erhalte ich nicht. Und nie war ich derselben mehr bedürftig, als eben jetzt, wo wieder der Bürgerkrieg in meiner Brust ausgebrochen ist, alle Gefühle sich empören – für mich, wider mich, wider die ganze Welt. Ich sage Dir, es ist ein schlechter Spaß. – Laß das gut sein.

Da sitz' ich nun auf der ABCstraße, müde vom zwecklosen Herumlaufen, Fühlen und Denken, und draußen Nacht und Nebel und höllischer Spektakel, und Groß und Klein läuft herum nach den Buden, um Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Im Grunde ist es hübsch, daß die Hamburger schon ein halb Jahr im voraus dran denken, wie sie sich zu Weihnacht beschenken wollen. Auch Du, lieber Moses, sollst Dich über meine Knickrigkeit nicht beklagen können, und da ich just nicht bei Kasse bin und Dir auch kein ganz ordinäres Spielzeug kaufen will, so will ich Dir etwas ganz Apartes zum Weihnacht schenken nämlich das Versprechen: daß ich mich vor der Hand noch nicht totschießen will.

Wenn Du wüßtest, was jetzt in mir vorgeht, so würdest Du einsehen, daß dieses Versprechen wirklich ein großes Geschenk ist, und Du würdest nicht lachen, wie du es jetzt tust, sondern Du würdest so ernsthaft aussehen, wie ich in diesem Augenblicke aussehe.

Vor kurzem hab' ich den »Werther« gelesen. Das ist ein wahres Glück für mich.

Vor kurzem hab' ich auch den »Kohlhaas« von Heinrich von Kleist gelesen, bin voller Bewunderung für den Verfasser, kann nicht genug bedauern, daß er sich totgeschossen, kann aber sehr gut begreifen, warum er es getan.

Was mein äußeres Leben betrifft, so ist es nicht der Mühe wert, daß ich davon spreche. Du siehst Cohen ja diese Tage, und er kann Dir erzählen, wie ich nach Hamburg gekommen, dort Advokat werden wollte und es nicht wurde. Wahrscheinlich kann Cohen Dir die Ursache nicht angeben; ich aber auch nicht. Hab' ganz andere Dinge im Kopfe, oder, besser gesagt, im Herzen; und will mich nicht damit plagen, zu meinen Handlangen die Gründe aufzufinden.

Ich will bis Frühjahr hier bleiben, beschäftigt mit mir selbst, und, wie ich glaube, auch mit Vorarbeiten zu den Vorlesungen, die ich an der Berliner Universität halten will. – – –

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