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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 291
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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289. Heine an Moses Moser

Göttingen, den 25. Februar 1824.

Ich weiß nicht, wie ich mir Dein Stillschweigen erklären soll. Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr beängstigt fühle ich mich. Ist der Freund oder die Freundschaft tot? Ich weiß nicht, was von beiden mich am schmerzlichsten schmerzen würde. Tot bist Du gewiß nicht, dazu bist Du viel zu bescheiden und geduldig. Aber Deine Freundschaft für mich? O, das wäre gar zu früh, wenn diese schon gestorben sein sollte! Alle meine übrigen Freundschaften haben länger gelebt, und wenn die eine nicht vom Schlag gerührt, die andere von der Verleumdung vergiftet oder von der Schwindsucht der Lauheit vertrocknet oder durch andere Krankheit fortgerafft worden wäre, so würden sie sämtlich noch am Leben sein.

Ich kann mit Recht von der Seligkeit der Freundschaft sprechen, denn so manche selige Freundschaft ist mir geblieben. – Wie befindest Du Dich?

Jedoch ich will mir und andern Leuten kein Unrecht tun. Ich habe mich davon überzeugt – und leider überzeugt – alle Gefühle, die mal in meiner Brust aufgestiegen sind, bleiben ungeschwächt und unzerstört, solange die Brust selbst und alles, was darin sich bewegt, unzerstört bleibt. Und was andere Leute betrifft, so mag es wohl sein, daß ihre Gefühle nicht von so ganz unzerstörbarem Stoff sind wie die meinigen, doch merke ich, daß ich diesen andern Leuten oft unrecht tue, wenn ich glaube, daß ihre Gefühle von zu leichtem Stoffe bestehen, etwa aus Postpapier, Scharpie, Himbeergelee usw. O, ich habe manche angetroffen, deren Gefühle wie Holz stark waren, und unzerreißbar wie Leder. Dennoch haben diese hölzernen und ledernen Gefühle »dem Gesetze der Zeit gehorchen müssen«. Sogar dem armen Rousseau habe ich unrecht getan; ich erhielt dieser Tage von ihm einen rührend freundschaftlichen Brief, worin er sich beklagt, daß ich ihn so ganz vergesse, ihn der mir so freundschaftlich zugetan geblieben.

Ich habe ihm geantwortet, daß ich es sei, der so lange ohne Brief gelassen worden, der sogar durch seine Ausdrücke verletzt sei usw. Ich ließ ihm wohl merken, daß ich ihn von aller Duplizität nicht ganz frei glaube; dennoch habe ich ihm die zweite Auflage meiner Freundschaft angekündigt.

Ich lebe sehr still. Das Corpus juris ist mein Kopfkissen. Dennoch treibe ich noch manches andere, z. B. Chronikenlesen und Biertrinken. Die Bibliothek und der Ratskeller ruinieren mich. Auch die Liebe quält mich. Es ist nicht mehr die frühere, die einseitige Liebe zu einer einzigen. Ich bin nicht mehr Monotheist in der Liebe, sondern, wie ich mich zum Doppelbier hinneige, so neige ich mich auch zu einer Doppelliebe. Ich liebe die Medicäische Venus, die hier auf der Bibliothek steht, und die schöne Köchin des Hofrat Bauer. Ach! und bei beiden liebe ich unglücklich! ...

Zu allem Glück werde ich in diesem Augenblicke gestört. Nicht wahr, ich lege es darauf an, Dich zu empören, und das letzte Fünkchen Freundschaft, das noch für mich in Deiner Seele glimmen möchte, mit einem nassen Aufguß von Galle und Unflätigkeit zu verlöschen. Aber wahrhaftig, je suis tres enrkume, oder, um deutsch zu sprechen, ich habe sehr den Katarrh. Und überdies bin ich noch verdrießlich, und mehr noch, als ich verdrießlich bin, bin ich

Dein Freund
H. Heine.

*

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