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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 290
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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288. Heine an Christian Sethe

Hamburg, den 27. Oktober 1816.

An den Studioso Christian Sethe
in Düsseldorf.

Sie liebt mich nicht! – Mußt, lieber Christian, dieses letzte Wörtchen ganz leise, leise aussprechen. In den ersten Wörtchen liegt der ewig lebendige Himmel, aber in dem letzten liegt die ewig lebendige Hölle. – Könntest Du Deinem armen Freunde nur ein bischen ins Gesicht sehen, wie er so ganz bleich aussieht, und gewaltig verstört und wahnsinnig, so würde sich Dein gerechter Unmut wegen des langen Stillschweigens sehr bald zur Ruhe legen; am besten wäre es zwar, wenn Du einen einzigen Blick in seine inn're Seele werfen könntest, – da würdest Du mich erst recht lieb gewinnen.

Eigentlich, mußt Du wissen, lieber Christian, ist jeder meiner Gedanken ein Brief an Dich, oder wenigstens gestaltet er sich so, und ich habe Dir unlängst schon einen ellenbreit langweiligen Brief zusammengekratzt, wo ich Dir mein ganzes Innere seufzend aufschloß, vom Ei der Leda an bis Trojas Zerstörung; aber diesen Brief habe ich weislich wieder vernichtet, da er doch zu nichts dienen konnte, als in fremde Hände zu fallen und mir alsdann vielleicht den Garaus zu machen. Kannst mir ja so nicht helfen. –

Einen kleinen Spaß will ich Dir erzählen. Du weißt, Christian, von demselben Augenblick an, als ich Dich zum ersten Male sah, ward ich unwillkürlich zu Dir hingezogen, und ohne mir selber davon Rechenschaft geben zu können, warst Du mir immmer ganz unendlich lieb und teuer. Ich glaube Dir in dieser Hinsicht schon längst davon gesprochen zu haben: wie ich oft in Deinen Gesichtszügen und vorzüglich in Deinen Augen etwas bemerkte, was mich auf eine unbegreifliche Art zugleich von Dir abstieß und zugleich wieder gewaltsam zu Dir hinzog, so daß ich meinte im selben Augenblick liebendes Wohlwollen und auch wieder den bittersten, schnöden, eiskalten Hohn darin zu erkennen. Und siehe! dieses nämliche rätselhafte Etwas habe ich auch in Mollys Blicken gefunden. Und eben dieses ist es was mich auch so konfus macht. Denn obgleich ich die unleugbarsten, unumstößlichsten Beweise habe: daß ich nichts weniger als von ihr geliebt werde – Beweise, die sogar Rektor Schallmayer für grundlogisch erkennen und kein Bedenken tragen würde, seinem eigenen Systeme obenan zu stellen, so will doch das arme liebende Herz noch immer nicht sein conceda geben, und sagt immer: was geht mich deine Logik an, ich habe meine eigene Logik. – Ich habe sie wiedergesehen, –

»Dem Teufel meine Seele,
Dem Henker sei der Leib,
Doch ich allein erwähle
Für mich das schöne Weib.«

Hu! Schauderst Du nicht, Christian? Schaudere nur, ich schaudre auch. – Verbrenne den Brief. Gott sei meiner armen Seele gnädig. – Ich habe diese Worte nicht geschrieben. – Da saß ein bleicher Mensch auf meinem Stuhl, der hat sie geschrieben. – Das kommt, weil es Mitternacht ist. – O Gott! Wahnsinn sündigt nicht. – Du! Du! hauche nicht zu stark, da hab ich eben ein wunderhübsches Kartenhaus aufgeschichtet, und ganz oben auf steh ich und halte sie im Arm! –

Sieh, Christian, nur Dein Freund konnte seinen Blick zum Allerhöchsten erheben (erkennst Du ihn hieran?); freilich scheint es auch, als wenn es sein Verderben sein wird. Aber Du kannst Dir auch kaum vorstellen, lieber Christian, wie mein Verderben so herrlich und lieblich aussieht! – Aut Caesar aut nihil war immer mein Wahlspruch. Alles an allem.

Ich bin ein wahnsinniger Schachspieler. Schon beim ersten Stein habe ich die Königin verloren, und doch spiel ich noch, und spiele – um die Königin. Soll ich weiter spielen? –

» Quand on a tout perdu et qu'on n'a plus d'espoir,
La vie est une opprobre et la mort un devoir.
«

Schweige, verfluchter, lästerlicher Franzose, mit deinem feigen Verzweiflungsgegreine! Kennst du nicht die deutsche Minne? Die steht kühn und fest auf zwei ewig unerschütterliche Säulen, Manneswürde und Glauben. – Nur halte mich, o Gott, in sicherer Hut vor die schleichende, finstre Macht der Stunde. – Entfernt von ihr, lange Jahre glühende Sehnsucht im Herzen tragen, das ist Höllenqual, und drängt höllisches Schmerzgeschrei hervor. Aber, in ihrer Nähe sein, und doch ewig lange Wochen nach ihrem alleinseligmachenden Anblick oft vergebens schmachten, u – u – und – und – O! – O! – O Christian! Da kann auch das frömmste und reinste Gemüt in wilder wahnsinniger Gottlosigkeit auflodern. –

Ach Du bist klug, Christian, und wirst mich gewiß meines langen Stillschweigens nicht strafen wollen. – Du weißt nicht welch ungeheuer Weh mir der dolchscharfe Widerhaken macht, mit welchem sich jedes Wort aus meiner Seele hervorreißt; andern Leuten kosten die schwarzen Striche nichts, können sie nach Belieben hin und her stellen, schreiten auf dem Kothurm, um besser durch den Dreck zu kommen. Dies, was Du hier für Kothurn ansehen magst, sind riesig hohe Schmerzgestalten, die aus den gähnend weiten blutigen Herzwunden hervorsteigen. – Sei nicht böse, Christian, ich bin Dir ja so gut, so gut, und bin so gewaltig unglücklich dran. Willst Du mich auch verstoßen? Ach, die Stimme im Herzen hat mich sehr getäuscht, wird sie auch diesmal Lügnerin seyn? Christian, sag ja oder nein. Du bist allein übergeblieben, sag ja oder nein. Bei allem, was Dir heilig ist, sag mir die Wahrheit. Ja? nun so hab ich auch Hoffnung, daß mir die Stimme des Herzens auch bei Molly nicht lügt. Nein? nun – – –

Schreib bald, lieber Christian, ja, willst Du?

*

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