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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 29
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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27. Rabener an Cramer

Dresden, den 22. Nov. 1756.

Mein liebster Cramer!

Ich habe Ihre Briefe vom 16. May und 31 Merz noch heilig aufgehoben, und seit der Ostermesse darauf antworten wollen. Die wahre Ursache dieses Verzugs ist, daß Herr Legationssekretär Kuur den ganzen Sommer über in der Erwartung gewesen, nach Copenhagen zurückzukehren, und mich von Zeit zu Zeit gebeten, meinen Brief ihm mitzugeben. Seit acht Wochen aber haben mich unsere traurigen und weit aussehenden Umstände daran gehindert. Sind Sie mit diesen Entschuldigungen zufrieden, mein liebster, mein bester Cramer? Oder können Sie wohl den Gedanken einen Augenblick lang bey sich hegen, daß ich aus Kaltsinnigkeit und Mangel der Freundschaft unterlassen hätte, zu antworten? Gegen meinen unvergeßlichen Cramer kaltsinnig zu seyn, meinen alten besten Freund, der mir so viel Ehre macht, den königl. dänischen Hofprediger Cramer nicht ebenso eifrig, nicht eben so zärtlich zu lieben, wie den armen Dorfpfarrer in Cröllwitz, Magister Cramern? Das sollte sich von ihrem Rabener nicht einmal denken lassen.

Und wie voll von Menschenliebe, von Mitleiden, von freundschaftlicher Unruhe ist Ihr letzter Brief! Ja, mein guter Cramer, wir sind verloren, ganz ohne Hülfe verloren. Und niemand sieht das Ende unsrer Angst. Fünfzig Jahre langen nicht, wenn sich das Land so wieder erholen soll, wie es vor acht Wochen war. Und wenn wir noch heuer Friede bekommen sollten, und wenn auch alsdann unser Hof selbst ernstliche Anstalt machte, dem Lande wieder aufzuhelfen, so gehören doch mehr als fünfzig Jahre darzu. Und wem dürfen wir unser Unglück Schuld geben? Gott wird den finden und richten, der Ursache dran ist, wer es auch seyn mag. Ich mag mich mit der ängstlichen Beschreibung unsrer Umstände nicht aufhalten; die öffentlichen Zeitungen werden Ihnen genug davon sagen können. Wollen Sie noch etwas mehr lesen, so sende ich Ihnen zween Briefe, die ich in voriger Woche geschrieben habe. Das arme Land! und so viel rechtschaffene Leute, die ohne ihr Verschulden mit unglücklich werden! Wie traurig ist die Aussicht in die Zukunft! Glücklich bin ich, da ich meine Unglück allein fühle. Desto mehr jammern mich meine Freunde, welche neben sich ihre Familie zugleich unglücklich sehen müssen.

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