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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 289
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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287. Heinrich Heine an Christian Sethe

Hamburg, den 6. Juli 1816.

An Christian Sethe! ...

(Ich weiß nicht, hast Du lieber hochgeboren oder wohlgeboren? kannst Dir's daher selbst beim Namen schreiben.)

Ja! ich will jetzt an meinem Freunde Christian schreiben. Zwar ist es nicht die dazu am besten geeignete Stunde. Wunderseltsam ist mir zumute und bin gar zu herzbewegt, und habe mich wohl in acht zu nehmen, daß kein leises Wörtlein entschlüpfe, das mir den inneren Gemütszustand verraten kann. Ich sehe schon wie zwei große wohlbekannte blaue Augen mich anstarren würden; die habe ich zwar sehr lieb, sind aber glaub ich nur zu kalt. – –

Ich habe mich wieder hingesetzt Dir zu schreiben und habe alles aus dem Herzen rauschen gelassen, das Dir immer spanische Dörfer bleiben. Ich habe Dich ein bißchen sehr lieb. Wie geht's Dir, Alter? Erfreust mich gar herrlich und königlich, wenn Du mir brav schreibst. Tue es. Aber viel beten kann ich selbst zu unserm lieben Herrgott nicht. – Mir gehts gut. Bin mein eigener Herr, und steh so ganz für mich allein, und steh so stolz und fest und hoch, und schau die Menschen tief unter mir so klein, so zwergenklein; und hab meine Freude dran. Christian, Du kennst ja den eitlen Prahlhans? Doch

Wenn die Stunde kommt, wo das Herz mir schwillt,
Und blühender Zauber dem Busen entquillt,
Dann greif ich zum Griffel rasch und wild,
Und male mit Worten das Zaubergebild. –

– Aber auch verwünschte Prahlerei, es scheint, als sei mir die Muse untreu geworden, und habe mich allein nach Norden ziehen lassen, und sei zurückgeblieben. Ist auch ein Weib. Oder fürchtet sie sich vor die furchtbaren Handelsanstalten, die ich mache? Wahr ist es, es ist ein verludertes Kaufmannsnest hier. Huren genug aber keine Musen. Mancher deutsche Sänger hat sich hier schon die Schwindsucht am Halse gesungen. Muß Dir was erzählen:

Als ich ging nach Ottensen hin,
Auf Klopstocks Grab gewesen ich bin.
Viel schmucke und stattliche Menschen dort standen,
Und den Leichenstein mit Blumen umwanden,
Die lächelten sich einander an,
Und glaubten wunders was sie getan. –
Ich aber stand beim heiligen Ort,
Und stand so still und sprach kein Wort,
Meine Seele war da unten tief
Wo der heilige deutsche Sänger schlief: – –

Nun? Sieh! selbst auf Klopstocks Grab verstummt meine Muse. Nur erbärmlich mit miserable kann ich noch zusammenreimen. Hauptsächlich, lieber Christian, muß ich Dich bitten, Dich des armen Levys anzunehmen. Es ist die Stimme der Menschheit, die Du hörst. Ich beschwöre Dich bei allem was Dir heilig ist, hilf ihm. Er ist in der größten Not. Mein Herz blutet. Ich kann nicht viel sprechen; die Worte brennen mir in den Adern.

Ich wasche meine Hände in Unschuld, Du hast alles auf Deine Seele. – – –

Meine Adresse ist Harry Heine bei Witwe Rodbertus auf die Große Bleiche in Hamburg, Nr. 307.

Freu Dich, Freu dich: in 4 Wochen sehe ich Molly.

Mit ihr kehrt auch meine Muse zurück.

Seit 2 Jahren hab ich sie nicht gesehen. Altes Herz, was freust du dich und schlägst so laut! – Leb wohl, lieber Christian, denke mein.

Dein Freund
Harry Heine.

Pellmann zu grüßen, vorzüglich den guten Zugemaglio (bitte Zugemaglio, er soll ein Brief an mich bei Dir einschlagen). Unzer, Lottner und Wünneberg nicht zu vergessen. Spielt brav, und befutelt Euch untereinander.

Grüße Deine werte Eltern und Geschwister.

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