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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 282
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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280. Friedrich List an Kerner

Höllenberg [Asperg], 7. November 1824.

Freund Schmerzenreich! Wenn ich Euch schon drei Jahre lang nicht geschrieben, so habe ich Euch doch während dieser Zeit im Herzen getragen. Ich weiß, Ihr seufzt mehr als einer in Deutschland über die Miserabilität Eurer Mitmenschen und Landsleute und beugt Euer Haupt nimmermehr vor dem Baal. Ich kann Euch versichern, daß ich mich schon hundertmal zu Euch hingewünscht habe, nur um auch wieder einmal recht gemüthlich mit Euch zu lästern und zu lachen, zu träumen und zu weinen. Mir ist's indes wunderlich ergangen, doch eines oder auch zwei habe ich behalten und wieder mitgebracht, das ist ein guter Muth und ein so gutes Gewissen, daß mir oft vorkommt, wenn ich auf dem Wall spazieren gehe, es sei doch besser, ich sei hier oben, als dort unten bei den Treibersknechten. Daß ich wieder heimgekommen, mag Euch seltsam erscheinen, ist's aber nicht; denn wißt, ich habe meine guten Gründe. Im Vertrauen will ich sie Euch sagen, aber ich bitte Euch, es für Euch zu behalten. Ich bin nämlich gekommen, meinen Pack zu machen und übers Meer zu ziehen und mich um den ganzen europäischen Plunder, Euern alt- und neuwürttembergischen Quark mit inbegriffen, nicht weiter zu kümmern. Dazu werde ich hauptsächlich durch die Rücksicht auf meine Kinder bestimmt, die ich nicht dem Moloch erziehen und von Eurer Schreiberzunft zu tot regieren lassen will. Das ist fest beschlossen und wird ausgeführt, sobald die Schwalben ziehen. Ihr habt inzwischen, höre ich, ein niedliches Haus gebaut in einem lieblichem Gärtlein. Ist auch mein Wunsch, nur soll mein Häuslein nicht auf europäischen Grund und Boden stehen, sondern in der freien Luft einer Republik, wo man die Leute nicht bei den Haaren herumzieht und einsperrt, wenn sie Vernunft reden. Ihr geht nicht mit, das weiß ich wohl, aber vielleicht schickt Ihr mir einmal Euern Buben, der soll mir willkommen sein. –

Mit Eurem Keßler ist's nichts. Der schwatzte und demonstrirte und allegirte und gab am Ende das Fersengeld. So ist's, wenn man die Sache desjenigen, der zuerst angegriffen ist, nicht zur gemeinen Sache macht. Keßler und Schübler haben mich verlassen und in mir die Unantastbarkeit der Deputirten verloren gegeben. Darum mußten sie auch früher oder später fallen. Als man mich aus der Versammlung stieß, hatte Ow den glücklichen Gedanken, alle unabhängigen Leute sollten mit mir austreten. Wir berechneten ihre Zahl auf fünfundzwanzig, und das hätte ein Loch hinausgeschlagen. Herr Keßler lächelte selbstgefällig, als wollte er sagen: »Ich will meine großen Pläne schon ohne dich durchführen, bin ich nicht der große Keßler?« Und kein Schüblerchen meinte, man werde um eines Lists willen keinen so großen Spektakel machen. Das kleine Männchen bildete sich ein, er regiere mit seinem schon halb toten Volksfreund die öffentliche Meinung, Aber es galt nicht den List, sondern die Sache, den Grundsatz. Und so mußten sie, die den rühmlichen Tod auf dem Schlachtfeld hätten sterben können, schmählich über die Klinge springen. Das ist meine Ansicht seit drei Jahren, und daher habe ich auch von meinem Exil aus dem hochbelesenen Herrn Keßler empfindliche Briefe geschrieben. Ich habe seit meiner Zurückkunft hören müssen, daß er einen dieser Briefe einen Geheimen habe lesen lassen, um sich zu purifiziren!

Was macht Euer Bruder, der Eisenminister? Immer noch Eisen und Stahl? Das ist schön. Wenn er einst sterben solte, so muß man seine kolossale Büste in Wasseralfingen aufstellen. Ich möchte ihn wohl noch einmal sehen vor meinem Hinscheiden, aber ich fürchte einen Kriegsratspräsidenten bei ihm zu treffen wie vor drei Jahren ... Seitdem ist's noch um vieles gefährlicher geworden, einen Menschen meines Gelichters bei sich zu haben. – Aber zu Euch komme ich noch, das lasse ich mir nicht nehmen, und sollten Euch die Schreiber Eure Pferdsration, die Ihr von Stadt und Amt bezieht, deswegen nehmen. Dann wollen wir noch recht vergnügt beisammen sein und uns für die lange Trennung schadlos halten ... Und noch etwas. Es hat mir geträumt, ich werde in der Lotterie mein Reisegeld gewinnen und noch etwas drüber. Da ich nun inzwischen ein Mystiker und Magnetiseur geworden bin, so zweifle ich keinen Augenblick an der Wahrheit dieses Ereignisses, nur sehe ich nicht ein, wie ich in der Lotterie gewinnen könnte, wenn ich nicht darein setzte. Wolltet Ihr nicht die Güte haben, mir von irgend einem Lotteriekollekteur in Heilbronn ... ein Los zu verschaffen, gleichviel von welcher Lotterie, nur darf es nicht über 20 fl. kosten. Im Hessischen und Bayrischen werden mehrere Güter ausgespielt, und ich glaube, die Lose kosten nur 6 fl. bis 12 fl. Ein solches wäre mir am liebsten. Und je früher die Lotterie gezogen wird, um so lieber ist's mir; denn ich brauche das Geld bald. Es ist mein vollkommener Ernst; sorgt, daß mir ein solches Los zur Einsicht zugeschickt wird nebst dem Plan. Vom Gewinn sollt Ihr Euern Anteil erhalten, denn Eure Hand bringt mir Glück.

Von meinem hiesigen Aufenthalt werde ich Euch ein andersmal mündlich Bericht geben ... Eure Briefe müßt Ihr an meine Frau nach Stuttgart adressieren. Eurer lieben Frau meine freundschaftlichen Empfehlungen. Lebt inzwischen wohl bis auf Wiedersehen, lieber Freund Schmerzenreich, und bleibt gut

Eurem Freudenreich.

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