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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 280
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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278. Ludwig Uhland an Kerner

Tübingen, den 20. Februar 1811.

Nach mehreren Tagen eines öden Treibens hab' ich endlich Ruhe gewonnen und benütze sie vor allem an Dich zu schreiben, bester Kerner. In Regen und Wind war ich bei Dir angekommen, im Schnee und Sturm verließ ich Dich. Auf der Höhe sank ich bisweilen bis ans Knie ein, aber nicht in die Kräuter und Blumen, wie jene Hirten und ihr Vieh. Kaum war ich aus den Schrecken des Schwarzwalds heraus, so hatte ich mit Wassersnot zu kämpfen. Die Nagold hatte die Straße überschwemmt und man mußte am Berge hinklettern. Welcher Wonnestrahl durchzuckte mich, als ich bei meiner Ankunft in Calw vernahm, daß diesen Abend Schauspiel sei. Ich sah »Die Organe des Gehirns« von Kotzebue. Das Publikum war sehr zufrieden, und ich hörte die Bemerkung machen, daß sogar die schlechteren Schauspieler von bedeutendem Nutzen seien, indem durch dieselben die Talente der besseren um so mehr herausgehoben würden.

An der Abendtafel saß ein Mann, den ich gleich an dem freien Halt seiner Tabakspfeife für einen Mann von freierem Geiste erkannt hatte. Er sprach von literarischen Gegenständen, sogar von Schlegels spanischem Theater, von welchem er bemerkte, daß es in Franzband gebunden sei. Wie viel er übrigens aus den von ihm gebunden oder auch nur broschirten Büchern profitirt, entwickelte er bald in einer Rede über den Selbstmord. Das Erschießen hielt er für sehr unsicher. Ehedessen sei er sehr für das Ertränken gewesen, wovon ihn jedoch die moralische Rücksicht abgebracht, daß man dadurch andere in Gefahr setze, welche, um zu retten, sich in den Strom wagen. In neuerer Zeit ziehe er das Herabspringen von einem hohen Turme vor, wohlverstanden, daß man vorher genau nachsehe, ob niemand unten vorübergehe. Das Allersicherste sei jedoch, sich einen dreifachen Tod anzuthun, nämlich zuerst Gift zu nehmen (hiebei nahm er einen Schluck Wein), sodann sich zu erschießen und zwar hart am Ufer eines Stromes, so daß man in denselben fallen und nötigenfalls noch ertrinken müsse. Dieses ist alles wörtlich wahr. – Den folgenden Vormittag brachte ich noch in Calw zu und las Axel und Walburg, die vier ersten Akte. Diese Tragödie ist sehr schön und spricht besonders die Phantasie an, doch ohne durch Charaktere noch durch Leidenschaft sich sehr auszuzeichnen. Nachmittags fuhr ich mit dem Calwer Boten auf seinem Wagen nach Herrenberg. Der Wind blies gewaltig herein und besonders auf der Höhe des Lerchenbergs war nicht viel von Lerchengesang zu hören. Wir kamen gegen 7 Uhr in Herrenberg an, und nun hätte ich noch einmal über Nacht bleiben sollen, als ich von einer Retourchaise hörte, in die ich mich sogleich setzte und erst unterwegs vernahm, daß Freund Roser in derselben nach Herrenberg gefahren war. Nachts nach 11 Uhr kam ich hier an und störte meine Leute aus dem Schlafe auf.

Dein Rickele, von der Du hiebei einen Brief erhältst, hab ich besucht. Man sieht ihr freilich an, daß sie sehr krank war, aber ebenso sichtlich befindet sie sich in der Besserung, und das neue Leben leuchtet besonders schon in den Augen. Sie war recht lieb und freundlich ...

Schreibe mir bald und sende mir den Hamlet. Hab' ich nicht meine Brille bei Dir gelassen? Mache doch ja noch ein Schatten- oder anderes Spiel für den Almanach! Vollende den Bergjüngling! Nimm meinen herzlichen Dank für alle Liebe, die Du mir erwiesen, grüße auch die Amt- und Spieß-Leute! Lebewohl!

Dein
L. Uhland.

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