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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 28
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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26. Johann Andreas Cramer an Rabener

Copenhagen, am 16. May 1756.

Mein liebster, bester Rabener,

Ob ich gleich unlängst an Sie einen Brief geschrieben habe, worinn ich Sie um Verzeihung meines langen Stillschweigens gebeten: so muß ich doch meine Abbitte wiederholen. Ich mag mich nicht rechtfertigen. Ihr letzter Brief war so zärtlich, so so voll Freundschaft, daß ich ganz außerordentlich davon bin gerührt worden; aber ob Sie mich gleich mit bittern Vorwürfen verschonen wollten, so war er doch so zornig, so zornig, daß Sie mich recht erschreckt haben. Nein, mein liebster Rabener, wir wollen uns nicht einander fremd werden. Das ist weit von mir entfernt, daß ich einen einzigen meiner Freunde fremd werden sollte. Viele von meinen Freunden werden es gegen mich; denn es giebt einige, von denen ich, weil ich hier bin, auch nicht eine einzige Sylbe gesehen habe. Aber ich vergesse gewiß keinen einzigen, und ich erinnere mich meiner ehemaligen glücklichen Zeiten um so viel empfindlicher, je weniger mir es noch möglich gewesen ist, hier einen Freund, mit dem ich vertraulich umgehen könne, ausfindig zu machen. Denn Klopstocken kann ich wenig genießen, weil ihn bisher seine Umstände verhindert haben, in der Stadt zu wohnen; zwischen denen, die höher sind, als ich bin, und mir bleibt, so lieb sie mich auch haben, doch allezeit eine gewiße Entfernung, die mich hindert, so vergnügt durch ihre Freundschaft zu werden, als man seyn würde, wenn sie uns dem Stande nach näher wären. Und ich sollte meinen Rabener vergessen können, und ihm fremd werden? Wie zärtlich und wie zornig ist ihre Bitte, daß wir es so lange vermeiden wollen, als wir können! Also wird es wohl auf ewig vermieden werden; denn ich will gerne fleißiger schreiben. Und Sie werden mir künftig, und zwar bald, gewiß etwas von Ihren Umständen melden; denn ich nehme den größten Antheil an dem, was Sie angeht. Also seyn Sie ferner mein lieber Rabener, und schreiben Sie mir bald, daß Sie mir mein langes Stillschweigen ganz vergeben haben, so vergeben, als wenn ich sehr oft an Sie geschrieben hätte, weil ich mich gewiß bessern werde. Aber ich setze dieses ganz furchtsam hinzu, Sie müssen auch nicht so kurz schreiben, als Sie immer gethan haben.– – – – – – – –

Erhalten Sie Ihrem Cramer Ihre Freundschaft und Liebe. Ich werde Sie ewig lieben, Ihr
Cramer.

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