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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 279
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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277. Kerner an Ludwig Uhland

Wien, den 26. November 1809.

Bester, liebster Uhland! mein teures Leben!

Ich habe hier den Stoll kennen gelernt, es ist ein recht guter Mensch, aber höchst arm. Es ist himmelschreiend wie man den Sohn des großen Arztes Stoll so kann laufen lassen. Rüdiger, Schnurrer, Dein Oncle sollen Dir von seinem Vater erzählen. O Deutschland! Bei denen, für die sein Vater Leben und alles aufgeopfert, konnte er nicht einmal eine Schreiberstelle erhalten. Er hat sich an Napoleon im Elend gewendet, und der hat ihm eine Professorstelle in Westfalen versprochen. Franzosen sollen diese Schande der Deutschen gut machen! Er gab ein Taschenbuch Neoterpe heraus, ganz von ihm. Dieses enthält ein herrliches scherzhaftes Spiel – Die Schnecken. – Es sieht hier um die Literatur schlimm aus, nichts ist zu haben – die Zensur ist gar toll, – Stoll erzählte mir ein Lustspiel, das er dichtet. Sehr gut. Ich bitte Dich jetzt, der Rosa ein paar Zeilen und Gedichte beizulegen – das Berglied u. s. w. Es gefällt mir gerade nicht hier. Das Theater ist nicht schlecht, aber man muß sich die Beine herauslaufen, bis man an Ort und Ziel kommt. Auf Deinen Eginhard freue ich mich; der meine ist aber wohl nimmer zu brauchen. Wir sollten ein Taschenbuch sammeln, bestehend in Eginharden, dem Bären, Schattenbriefen, Deinem Herbstbrief u. s. w. und Gedichten. Schreibe mir darüber. Den Bären will ich hier auch Componisten vorführen, mit den Köllischen Bravourversprechungen ist es doch nichts. – Wie ich hier wieder zu ringen und zu kämpfen hatte – das kann ich Dir nicht aussprechen. – Man verfolgt mich bis hieher. Die Unruhe in und außer mir ist zu groß, als daß ich was Poetisches vornehmen könnte. Ich habe meinem Bruder Karl, den ich liebe – aber – – – dem hab' ich fast durch einen Eid versprechen müssen, nichts mehr zu dichten – wie sehr ich geplagt wurde, wie tief gekränkt – – o Uhland! – – Dir geht es recht gut. Varnhagen steht in Ungarn.

 

Rosa schreibt:

Kommst du auf der Reise
Wohl an einen See –
Nicht gesäumt und werfe
Rasch hinein dein Weh.

Mit welcher Sehnsucht Uhland! nein das kannst Du nicht fassen! – denk' ich oft zurück an jedes Kraut und Gras, über das wir gingen, und dann muß ich den Hut ins Auge drücken – auf daß die Leute nicht sehen, daß der da weint.

Für die Medizin ist es gar nichts hier – Dir gesagt, versteht sich! Ich werde also so bald als möglich weiter gehen – wohin, weiß ich nicht. Soll ich nach Ungarn? Oder geh' ich gerade nach Tübingen und bleibe im Ochsen, bis Du gehst, sei's 3-4 Monate. Hier ist es nicht sehr teuer, aber schlecht – scheußlich schmutzig alles. Der Ochs ist ein Engel gegen einen hiesigen Walfisch. Mein Rickele, mein liebes Kind, kommt nun zu unserer Rosa. Freut es Dich nicht auch? Das arme Kind! Wie wird Rosa für sie sorgen und ihre lieblichen Anlagen ausbilden. Rosa schrieb nichts von Deinem Blatt. Du mußt nun an sie schreiben – es ist nicht schön, daß Du es nicht thatest. Es pressirt mit der Absendung der Briefe nicht so; Du nimmst meine Worte gar zu juristisch.

Der Stephansturm und die Kirche ist ein ungeheures Werk! Ich ging übrigens noch auf keine Merkwürdigkeit hier aus. Es ist schwer, über altgotische Kirchen mehreres zu sagen, man kann nur über eine sprechen, weil sie einander fast alle gleich. Was Du über die Marionetten schriebst, schreibe nieder, man kann es zu den Schattenbriefen brauchen. Schreibe alsbald! sogleich! plötzlich! auf der Stelle!

In treuer Liebe
Dein Kerner.

*

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