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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 277
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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275. Varnhagen von Ense an Justinus Kerner

Kassel, den 10. März 1809.

Sei nicht verwundert, mein geliebter Freund, daß ich Dich mit Du anrede! Ich wüßte mich jetzt, da die Entfernung jede Scham und Verlegenheit, die mir sonst jeden Ausbruch des Gefühls gegen Männer zurückhält, völlig weggetilgt hat, in keine andere Form zu finden, zumal da ich von Deiner Seite einer herzlichen Aufnahme so sehr versichert bin! Schon in Bruchsal wollte ich Dir schreiben, dann in Frankfurt, und an beiden Orten standen schon einige Zeilen auf dem Papier; die früheren zerriß ich wieder, weil mich das Schreiben in der Freundlichkeit des Gemüts, die mich auf heitere, lebenslustige Weise den Freunden zuwandte, stören wollte. In Frankfurt aber war ich zu unruhig, uud es that mir weh, voraus zu sehen, wie ich Dir in dem ersten Briefe nur ein wildes Wolkengewirr geben würde, hinter dem Du den Sonnenschein wohl geahnt hättest, aber nur durch Dein Verdienst, nicht durch meins. Denke aber nur nicht, teurer Freund, weil ich Dir jetzt schreibe, fühle ich mich auch im stände. Dir alles zu sagen, was für Dich in mir aufgeglüht ist, und die Beziehungen alle, die von Deinem Leben auf meines übergegangen sind, als helle Liebes- und Freundschaftsgaben, wieder vor Deine Augen zurückzugeleiten und hinzustellen; vielmehr habe ich aufs neue gefunden, daß das Beste und Innigste lautlos vorüberzieht und nur dann erst kann festgehalten werden, wenn es sich aus seinem hohen kreisenden Schweben im Gemüt auf eine Begebenheit im Leben niedersenkt und an dieser sich anknüpft. Dir sei es genug, daß ich Dir sage, daß solche Liebesgefühle für Dich in meiner Seele aufsteigen, deren Art und Weise Du in Dir selbst am besten erkennen mögest. Mich hat es oft gerührt, zu sehen, wie doch sogleich an dem fremden Ort der Sinn zu dem Sinn sprach, und mir war es ein herrlicher Trost, indem ich an so vielem verzweifelte, in Dir und Uhland mich von zwei treuen Menschen, die mir nah' geworden waren in einer Zeit, wo alles von mir sich hätte entfernen sollen, umgeben zu wissen ... Wie freue ich mich, Dich in Hamburg wiederzusehen. Die Reise war sonst recht angenehm ... Ich habe niemals zu den Deutschen solches Vertrauen gehabt, als diese Reise mir gegeben. Das Volk ist vortrefflich, ein allgemeines Zutrauen ist unter ihm, ganz offen redet jeder, sobald er nur weiß, daß ein Deutscher vor ihm ist, doch ist es hier besonders sehr gefährlich, frei zu reden. In Westfalen ist alles auf franz. Fuß ... Ich hoffe von Dir bei meiner Ankunft in Hamburg wenigstens einige Zeilen zu finden, denn so schreibunlustig wirst Du doch wohl nicht gewesen sein, um über alle an mich noch eingelaufene Briefe nur bloße Couverte zu machen, die Dir im Grunde schwerer fallen als Briefe selber. Grüße von ganzem Herzen Uhland!

Dein treuer Freund
Varnhagen.

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